Ich habe meine Heimat immer verteidigt, weil ich die Italiener liebe. Aber jetzt will ich nichts mehr verstehen, will ich nichts mehr erklären. Woher kommt meine Wut?

Als Michael Jackson starb, merkte ich zum erstem Mal, was Italienerin-Sein bedeutet. Ich war 16 und auf Sprachreise in England. Ich saß in der plüschigen Küche mit meiner ebenso plüschigen Gastmutter beim Abendessen, löffelte Erdbeeren mit Rahm, als das spanische Mädchen hereinplatzte, mit dem ich in den nächsten zwei Wochen das Zimmer teilen würde. Sie hatte lange dunkle Haare, trug weite, bunte Hosen, sie sah ziemlich cool aus und sagte auf Englisch: "Jackson war eine wichtige Figur in meiner Kindheit." Und als sie erfuhr, dass ich aus Italien komme, schwieg sie erst mal betroffen und fragte dann zögernd: "Oh, aber was ist mit euch und Berlusconi los?"   

An diesem Tag lernte ich, Italienerin-Sein bedeutet, im Ausland das scheinbar absurde Verhalten meiner Landsleute rechtfertigen zu müssen. Für diese spanische Teenagerin war ich als Italienerin in erster Linie Teil des Berlusconi-Volks.

Ich wurde zur Botschafterin Italiens

Ich erklärte ihr, dass ich kein Fan war, weder von Jackson noch von Berlusconi. Wir freundeten uns an und ich versuchte ihr verständlich zu machen, warum die Menschen in meinem Land immer wieder einen Verbrecher wählen. Wies auf die Medienmacht hin, die er hat. Auf die Frustration der Italiener, weil es im Land zwar nicht abwärts ging, aber gefühlt auch nicht aufwärts. Angesichts des Unverständnisses, das mir im Ausland entgegenschlug, konnte ich nicht anders, als für Empathie zu werben und mich für meine Mitbürger zu rechtfertigen. Und natürlich erfreute ich mich auch an der Sympathie, auf die man als Italienerin im Ausland stößt. Denn ich wurde natürlich auch zum Essen und den Urlaubsorten befragt. Es gibt schlimmere Themen für Smalltalk.

Ich war stolz auf die Italiener, die ihr Schicksal mit Würde zu tragen schienen.

Und so wurde ich im Ausland zur Botschafterin Italiens. In Wien, wo ich studierte, in den USA und Deutschland, wo ich zwischendurch lebte: Ich gab mir Mühe, den klischeehaften Bildern von schönen Frauen und Machos, von Pizza und Mafia und Dolcefarniente, der Kunst des Nichtstuns, der Italiener angeblich so gerne nachgehen, etwas Differenziertes entgegenzusetzen.

Die vielen Fragen regten mich dazu an, mich mehr mit meinem Herkunftsland auseinanderzusetzen, als ich es sonst getan hätte. Ich weiß, dass die Mafia auch deshalb groß geworden ist, weil die Süditaliener von reichen Großgrundbesitzern, die vom Norden unterstützt wurden, kolonisiert und ausgebeutet wurden und sich zur Selbsthilfe organisierten.

Ich habe gelernt, dass die Fronten im und nach dem Zweiten Weltkrieg etwas komplizierter verliefen als in Deutschland und man sich deshalb um eine Aufarbeitung des Faschismus herummogeln konnte. Dass man deshalb bis heute in Italien an Kiosken Kühlschrankmagnete mit Zitaten und Gesicht von Mussolini kaufen kann. Ich habe Verfechtern der Austeritätspolitik in der Eurokrise erklärt, warum sich Italiener dadurch entrechtet und gedemütigt fühlen, warum die langfristige Politik zwar an dieser Lage mit schuld wäre, aber dass man die Frustration der Menschen verstehen müsse.

Ich war stolz auf die Italiener, die ihr Schicksal mit Würde zu tragen schienen. Die in schwierigen Zeiten der Wirtschaftskrise Solidarität zeigten mit Flüchtlingen. Obwohl schon seit Jahren sehr viele Menschen in Italien strandeten, hielt sich der Hass in Grenzen und schlug sich auch nicht in Wahlergebnissen nieder.