Antisemitismus ist überall – er ist nicht neu und nicht auf Muslime beschränkt, sagt die Vorsitzende der jüdischen Studierendeninitiative Berlins. Macht ihr das Angst?

Am Dienstagabend haben mehrere junge Männer in Berlin zwei junge Männer angegriffen, die eine Kippa trugen. Einer der Männer wurde mit einem Gürtel geschlagen. Der Angriff hat eine Debatte über Antisemitismus in Deutschland ausgelöst. Wie erleben Juden in Deutschland die Diskussion über solche Angriffe?

Darüber hat ZEIT Campus ONLINE mit Anastassia Pletoukhina gesprochen. Sie ist 32 Jahre alt und Vorstandsvorsitzende von Studentim, der jüdischen Studierendeninitiative Berlin. Außerdem arbeitet sie als freiberufliche Bildungsreferentin in verschiedenen jüdischen Institutionen, unter anderem in der Jewish Agency for Israel, der europäischen Janusz-Korczak-Akademie und im Kompetenzzentrum für Prävention und Empowerment der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland.

ZEIT Campus ONLINE: Anastassia, Deutschland spricht über ein Video, in dem ein junger Mann in Berlin angegriffen wird, weil er eine Kippa trägt. Du bist Jüdin und lebst in Berlin. Was hast du gedacht, als du das Video gesehen hast?

Anastassia Pletoukhina: Mich hat erschreckt, dass das Video aus dem Prenzlauer Berg kommt. Ich dachte: Krass, wenn es dort Antisemitismus gibt, dann ist er wirklich überall. An Berlin schätze ich nämlich eigentlich, dass das Judentum hier sehr präsent ist und ganz selbstverständlich gelebt wird. Ich lebe in Charlottenburg, da brauche ich nur aus der Haustür zu gehen und höre Hebräisch. Natürlich ist das nicht überall so, aber ich habe hier immer sehr geschätzt, dass ich mir meine eigenen jüdischen Räume suchen konnte und mich dort sehr sicher fühlte. 

Anastassia Pletoukhina, 32, ist, als sie zwölf war, aus Moskau nach Deutschland migriert. Sie ist Vorstandsvorsitzende von Studentim, der jüdischen Studierendeninitiative Berlin. Sie promoviert am Fachbereich Soziologie der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Außerdem arbeitet sie als freiberufliche Bildungsreferentin in verschiedenen jüdischen Institutionen, unter anderem in der Jewish Agency for Israel, der europäischen Janusz-Korczak-Akademie und im Kompetenzzentrum für Prävention und Empowerment der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland. © Andreas Prost für ZEIT ONLINE

ZEIT Campus ONLINE: Hat dich der Vorfall überrascht?

Pletoukhina: Nein, überrascht hat mich das Video nicht, weil es mir vor Augen geführt hat, was ich schon wusste: dass antisemitische Übergriffe überall passieren können. Und für viele Jüdinnen und Juden ist es eben oft nicht möglich, sich ihre eigenen Räume zu suchen. Zum Beispiel an Schulen oder in Kindergärten. Ich kenne Vorfälle aus Kindergärten, wo Kinder beschimpft werden, weil sie jüdisch sind und die Erzieherin nichts sagt. Und das Video zeigt: Man ist nicht vor Antisemitismus gefeit, es reicht schon, auf die Straße zu gehen.

ZEIT Campus ONLINE: Das heißt, das Video ist repräsentativ für jüdisches Leben?

Pletoukhina: Ja, insofern, dass Antisemitismus überall passiert. In Schulen, auch schon in Kindergärten. Die jüdische Gemeinschaft schockt so was nicht, weil sie es gewohnt ist. Antisemitismus ist immer präsent. Du weißt nur nie, aus welcher Richtung was angeflogen kommt.

ZEIT Campus ONLINE: Macht dir der Vorfall Angst?

Pletoukhina: Mir selbst macht das keine Angst, aus dem einfachen Grund, dass ich auf der Straße als Jüdin nicht zu erkennen bin. Mein Mann schon, denn er trägt Kippa. Und wenn er in traditioneller jüdischer Kleidung auf dem Weg zur Synagoge ist, denke ich oft: Gut, dass er so groß und stark ist. Ich selbst trage manchmal eine Halskette mit einem kleinen Davidstern. Das ist aber eher selten und kommt dann auf das Outfit an. Wenn ich es mal trage, weiß ich jedoch immer: Es ist ein Hingucker. Jüdische Mitbürger wissen dann: Okay, sie gehört in den Club. Und auch für andere bin ich dann offen als Jüdin erkennbar.

ZEIT Campus ONLINE: Wie reagieren nicht jüdische Menschen darauf?

Pletoukhina: Dass mir gegenüber dann ein Gürtel gezogen wird, wie auf dem Video, so etwas ist mir noch nicht passiert. Aber die Leute machen mich zum Infopoint für alles, was mit dem Judentum zu tun hat. Oder wollen sofort mit mir über Israel sprechen, ihre Kritik bei mir abladen. Es wird sofort angenommen, dass ich irgendwas mit der israelischen Politik zu tun habe.

ZEIT Campus ONLINE: Wie äußert sich das?

Pletoukhina: Ich komme dann in eine Position, in der ich antworten muss. Die Leute denken oft: Ich habe das Recht, dir alle Fragen zu stellen, die ich stellen möchte. Wenn ich dann zu Israel befragt werde, habe ich oft mit israelbezogenem Antisemitismus zu tun. Und der kann eben von allen Seiten kommen. Oft wird mir gesagt: Was Israel macht, ist ganz furchtbar. Aus dem einfachen Grund, dass ich Jüdin bin. Das wird einfach so salopp dahingesagt.

ZEIT Campus ONLINE: Fühlst du dich in solchen Fällen diskriminiert?

Pletoukhina: Ja. Mich fragt ja auch keiner, ob ich Merkel gut finde, obwohl ich deutsche Mitbürgerin bin. Sie verfrachten mich in ihrem Kopf dann erst mal nach Israel. Sie könnten mich auch zu der deutschen Politik befragen, mit der identifiziere ich mich viel mehr. Schließlich bin ich deutsche Staatsbürgerin. Und ich mag Israel als Land, ja. Aber ich habe die Regierung dort ja nicht gewählt. Ich finde das diskriminierend, weil mich solche Fragen in eine Sonderrolle rücken. Ich bin dann sofort draußen, werde reduziert auf mein Jüdischsein und muss in dieser Rolle performen.

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