ZEIT Campus ONLINE: Hat sich die Stimmung in den jüdischen Gemeinden verändert?

Pletoukhina: Die Stimmung hat sich schon seit Längerem verändert, vor allem seit 2014, durch den Gaza-Krieg – als wir ganz froh waren Polizei vor den Haustüren der Gemeinden zu haben. Ich habe erlebt, dass Kinder vor Übergriffen nach 2014 Angst hatten. Ich weiß aus erster Hand, dass Kinder, die aus einer jüdischen Berliner Gemeinde kamen, von muslimischen Deutschen angemacht wurden: Bist du jüdisch oder was? Und sie haben dann gelogen und gesagt: Nein, wir sind keine Juden. Da haben sich viele gefragt: Wie geht es mit der jüdischen Gemeinde weiter?

ZEIT Campus ONLINE: Antisemitismus hat in Berlin seit 2017 Studien zufolge um 60 Prozent zugenommen. Spürst du das in deinem Alltag?

Pletoukhina: Aus meiner alltäglichen Erfahrung würde ich sagen: Antisemitismus ist immer aktuell. 2014, angelehnt an den Krieg in Gaza, gab es gerade hier in Berlin viele Demonstrationen, Menschen mit Kippa wurden verprügelt, Israelfahnen verbrannt. Da ging es oftmals nicht um politische Kritik an Israel. Stattdessen ist die Schwelle zwischen "Jude" und "Israel" verschwommen. Da galt, so wie jetzt in dem Video: Da ist einer mit Kippa, also verprügeln wir ihn.

ZEIT Campus ONLINE: Der Verein, in dem du dich engagierst, will jüdisches Leben in Deutschland sichtbarer machen. Ist das heute besonders wichtig?

Pletoukhina: Es war schon immer wichtig, dass jüdisches Leben in Deutschland sichtbarer ist und dass jüdische Stimmen gehört werden. Gerade seit 2014 engagieren sich junge Jüdinnen und Juden verstärkt dafür. Das fängt da an, wo wir uns selbst bewegen. An Schulen, in Universitäten. Die Asten sprechen oft für Palästina, vor allem, wenn es um linke Stimmen geht. Da lauert oft die Gefahr von israelbezogenem Antisemitismus, der von vielen nicht als solcher wahrgenommen wird. Das passiert dann, wenn gilt: Den Staat Israel darf es nicht geben. Und das dann antisemitisch begründet wird.

ZEIT Campus ONLINE: Kann die aktuelle Debatte dagegen auch etwas tun?

Pletoukhina: Die aktuelle Debatte kann helfen, zu zeigen, dass Antisemitismus Thema ist. Dabei muss aber ganz klar zwischen verschiedenen Formen von Antisemitismus unterschieden werden. Und auch darüber gesprochen werden, wo Antisemitismus überhaupt anfängt. Es ist auch so, dass innerhalb der jüdischen Community Antisemitismus sehr unterschiedlich verstanden wird. Auch da gibt es Klärungsbedarf.

ZEIT Campus ONLINE: Das musst du erklären.

Pletoukhina: Zum Beispiel stuft mein Opa, der noch die antireligiöse Politik der Sowjetunion gewohnt ist, Vorfälle, die ich als antisemitisch betrachten würde, ganz anders ein. Weil er noch schlimmere Formen von Antisemitismus gewohnt ist. In Russland, wo ich geboren bin, wurden meinem Opa offenkundig Ämter verweigert, weil er jüdisch war. Wenn hier in Deutschland heute jüdische Gemeinden instrumentalisiert, gegen Muslime aufgehetzt werden, geschieht das in meinen Augen auch oft durch antisemitische Inhalte. Die würde mein Opa aber nicht als solche wahrnehmen. Solche Übergriffe wie auf dem Video gehen natürlich schnell viral, weil Antisemitismus dort ganz klar sichtbar wird. Aber oft äußert sich Antisemitismus verbal, und das wird schneller unter den Tisch gekehrt.

ZEIT Campus ONLINE: Was muss sich denn ändern?

Pletoukhina: Das Problem ist, dass vieles gar nicht erst zur Anzeige kommt. Das ist gerade bei verbalen Auseinandersetzungen der Fall. Auch wenn es da jetzt Bemühungen gibt, das zu ändern. Zum Beispiel, wenn es um Antisemitismus an Schulen geht. Da sind Eltern zum Teil zu den Lehrern gegangen und haben das gemeldet. Aber oft hieß es dann: Das ist doch kein wirkliches Problem, das sind doch nur Kinder. Aber genau das ist das Problem. Auf einer Alltagsbasis mit Antisemitismus umzugehen, ist richtig schwierig.

ZEIT Campus ONLINE: Woran liegt das?

Pletoukhina: Das Problem ist, dass der Antisemitismus salonfähig geworden ist. Zum Beispiel auch durch die AfD, durch die Aussage: Das wird man ja noch sagen dürfen. Man braucht aber eine Instanz, die sagt: Nein, man darf nicht einfach mit Antisemitismus um sich werfen. Es muss viel mehr Stimmen geben, die sagen: So geht das nicht. Egal ob in der Uni oder bei einer politischen Diskussion. Da brauchen wir Leute, die sagen: Geht’s noch?