Inspiriert von #MeToo wehren sich junge Frauen in China gegen sexuelle Belästigung. Ihr Protest muss mehr überwinden als nur einen Geschlechtergraben. Schaffen sie das?

"Der Zeitraum ist glasklar vor meinen Augen, jeder Satz, den er damals gesagt hat, ist wie mit einem Brandeisen in meine Erinnerung gebrannt", schrieb Xixi Luo am ersten Januar 2018 über ihren ehemaligen Doktorvater. Auf dem chinesischen Kurznachrichtendienst Weibo beschrieb sie Ereignisse, die zwölf Jahre zuvor stattgefunden haben sollen: Wie ihr Doktorvater sie in die Wohnung seiner Schwester eingeladen und versucht habe, sie zu vergewaltigen. Wie er sie in den folgenden Jahren, in denen er ihre Doktorarbeit betreute, systematisch gemobbt habe. Wenige Tage nach der Veröffentlichung ihres Posts wurde der Beschuldigte entlassen. Er hat sich bis heute nicht zu den Vorwürfen geäußert.

Luo war vor diesem Posting nicht berühmt, doch ihr Bekenntnis trat eine Art chinesisches #MeToo los. Mal unter dem englischen Hashtag, mal unter dem chinesischen #WoYeshi, veröffentlichten in den darauffolgenden Tagen vor allem Studentinnen ihre Erfahrungen mit sexueller Belästigung. Die Regierung sperrte schnell die prominentesten Hashtags, um eine öffentliche Diskussion zu unterbinden. Doch Luos Bericht löste landesweit Protest aus, der bis heute andauert.

Es ist ein Protest, der anders ist als in westlichen Staaten. Er ist zahmer, stiller. Und er zeigt besonders deutlich die Rolle, die Frauen im politischen und gesellschaftlichen System Chinas zugedacht ist. Und was passiert, wenn junge Chinesinnen diesen Status quo herausfordern.

In den Wochen nach Luos Bericht schrieben Studierende und Alumni offene Briefe an mehr als 70 Universitäten, in denen sie unter anderem Ansprechpartner für Opfer sexueller Übergriffe einforderten. Seitdem wird in China immer wieder über Fälle von sexuellem Missbrauch berichtet. Anfang April verbreitete sich die Geschichte einer Studentin, die sich im Jahr 1998 das Leben genommen hatte. Ihr Professor soll sie über Jahre mehrfach vergewaltigt haben. Auch dieser Mann verlor jetzt, 20 Jahre nach dem Tod seiner Studentin, seinen Job. Er bezeichnete die Vorwürfe in einem Interview als "bösartige Diffamierung".

Der zahme Protest

Wie groß das Problem sexueller Belästigung an chinesischen Universitäten ist, lässt sich schwer bestimmen. Laut einer Onlinebefragung unter 5.000 Studierenden werden mehr als 70 Prozent aller chinesischen Studentinnen bis zu ihrem Abschluss Opfer sexueller Übergriffe. Mehr als die Hälfte dieser Übergriffe sollen an der Uni selbst passieren. Wie repräsentativ diese Ergebnisse sind, ist schwer einzuschätzen. Die landesweite Aufmerksamkeit für Luos Bericht und die Anzahl an Frauen, die sich seither mit ihren eigenen Erfahrungen melden, legen allerdings nahe, dass sexuelle Belästigung in China zum Alltag gehört.

Als Feministinnen wollen sich die Frauen, die sich dagegen nun öffentlich wehren, trotzdem nicht unbedingt verstehen. "MeToo war vielleicht der Impuls für unsere Aktion, aber ich identifiziere weder unseren Brief noch mich selber mit Feminismus", sagt etwa Annie. Die 25-jährige Studentin hat den offenen Brief, der an ihre Universität geschickt wurde, unterschrieben, mit ihrem Klarnamen. Sie studiert Medienwissenschaften an Chinas prestigeträchtiger Peking-Universität, auch bekannt als "Beida". Jedes Jahr werden hier 4.000 bis 5.000 Bachelorstudentinnen und -studenten aufgenommen – von mehr als neun Millionen Kandidatinnen und Kandidaten, die landesweit die Universitätsprüfung ablegen. Wer es an die Beida geschafft hat, wie Annie, gehört zur Elite.

Eigentlich wären die Bedingungen für eine breite feministische Protestbewegung in China genau wegen Frauen wie Annie perfekt: Zumindest in den Großstädten sind die Töchter der Ein-Kind-Politik als Einzelkinder aufgewachsen, die von den Ressourcen und der ungeteilten Aufmerksamkeit ihrer Familien profitieren konnten. Wo es keinen Bruder gab, der bevorteilt werden konnte, wurde mit aller Macht die Tochter unterstützt. In der jüngeren Generation gibt es auch prominente und radikale Feministinnen, bereits im Jahr 2015 wurden fünf Aktivistinnen für ihre Proteste gegen sexuelle Belästigung zu Gefängnisstrafen verurteilt. Es ist eine Generation von hochgebildeten Frauen, die Respekt und Gleichbehandlung an den Unis und später am Arbeitsplatz erwarten.

Die Gesellschaft nennt sie Restefrauen

Doch diese Gleichbehandlung bekommen sie nicht. Stattdessen nennt man sie: "Restefrauen". Seit einigen Jahren werden Frauen, die im Alter von 27 noch nicht verheiratet sind, als Restefrauen bezeichnet – für den ersten Teil des Wortes wird das gleiche chinesische Zeichen benutzt wie für das Wort "Essensreste". Der Begriff wurde zunächst von Staatsmedien benutzt und ist inzwischen im normalen Sprachgebrauch angekommen. Viele Eltern drängen ihre Töchter gerade dann, wenn deren Karriere gerade beginnt, sich einen Mann zu suchen und Kinder zu kriegen, damit sie keine solche "Restefrau" werden.

Ein Vorwurf, der besonders hochausgebildeten Frauen mit einem Masterabschluss oder gar einem Doktortitel gemacht wird, lautet, sie hätten sich zu sehr auf ihre Karriere statt auf ihr Frausein konzentriert. Sie entsprechen nicht mehr dem Ideal der unkritischen, folgsamen Frau, die zu Hause bleibt und durch ihre Rolle in der Familie zur sozialen Stabilität beiträgt.