Die eine spürt nur einen Fremdkörper, der wegsoll. Die andere denkt nach dem Abbruch: Das war Mord. Drei Frauen erzählen, wie es ist, eine Schwangerschaft abzubrechen.

Derzeit wird im Bundestag wieder über die rechtliche Grundlage von Schwangerschaftsabbrüchen diskutiert. Wir widmen diesem Thema deshalb einen Schwerpunkt auf ZEIT ONLINE.

Sophia wollte ihre Schwangerschaft mit Tabletten abbrechen, aber sie wirkten nicht. Nora beschreibt den Schmerz während ihrer Absaugung. Und Carmen vergleicht den Abbruch mit einer Weisheitszahn-OP, das wachsende Kind in ihrem Körper mit einem Parasiten.

Als wir unseren Schwerpunkt zu Schwangerschaftsabbrüchen starteten, baten wir auch unsere Leserinnen und Leser, uns ihre Erfahrungen mit dem Thema zu schildern. Wir erhielten hunderte Nachrichten. Ein Aspekt, den Frauen immer wieder schilderten, war die körperliche und psychische Erfahrung eines Schwangerschaftsabbruches. Diese Erfahrungen geben wir an dieser Stelle wieder.

Die hier geschilderten Erfahrungen sind zum Teil die Ausnahme. Die Eindrücke der Frauen sind subjektiv. Die allermeisten Schwangerschaftsabbrüche laufen ohne Komplikationen ab – wie bei jedem medizinischen Eingriff kann es allerdings auch hier dazu kommen. Wir haben Beschreibungen ausgewählt, die zeigen, wie intim und wie körperlich und psychisch belastend eine ungewollte Schwangerschaft und deren Abbruch sein können.

Wir haben außerdem die Sexualmedizinierin und Therapeutin Katharina Rohmert gefragt, was bei einem Abbruch passiert, welche körperliche Beschwerden auftreten können und woher sie kommen. Sie erklärt, was die Frauen erlebt haben und wie häufig diese Erfahrungen sind. Rohmert gibt psychoanalytisch orientierte Beratungen und sexualmedizinische Sprechstunden bei Pro Familia. Sie erklärt, warum sich die körperlichen Erfahrungen während eines Schwangerschaftsabbruches so stark voneinander unterscheiden. Die Namen der Frauen haben wir geändert.

Sophia: "Jetzt stirbt es in meinem Bauch"

Ich habe zum Abbruch der Schwangerschaft Tabletten genommen. Das bedeutete, dass ich die Abtreibung selbst beginnen musste. Es war furchtbar, die Tabletten heimlich zu nehmen. Ganz bewusst. Über mehrere Tage. Ich dachte immer wieder: Jetzt stirbt es in meinem Bauch. Heimlich. Denn reden konnte ich darüber mit niemandem. Ich erinnere mich, dass das Ganze insgesamt etwa eine Woche lang dauerte. Die langersehnte Blutung, die den Embryo abstoßen sollte, kam dann an einem Freitagnachmittag.

Rohmert: "Bei einem medikamentösen Abbruch nehmen Frauen drei Tabletten ein, die den Wirkstoff Mifepriston enthalten. Danach muss ein Gewebshormon, Prostaglandin, als Tablette eingenommen oder als Zäpfchen eingeführt werden. Die ersten bewirken den Abbruch der Schwangerschaft, die Hormone sorgen dann dafür, dass das Gewebe ausgestoßen wird. Manchmal wollen Frauen zur Einnahme der ersten Tablette lieber in der Praxis bleiben und abwarten bis die erste Blutung beginnt. Oder sie gehen eine Runde spazieren, kommen dann wieder, wenn sie nicht in der Praxis zwischen den anderen Frauen sitzen und warten wollen. Vor allem ängstliche Frauen entscheiden so. Andere sagen, sie wollen die Tabletten lieber in der gewohnten Umgebung zu Hause nehmen mit dem eigenen Bad, weil sie sich dort wohler fühlen."

Als die Blutung einsetzte, rief ich den behandelnden Arzt an, weil sie so stark war. Der sagte mir, ich solle am Montag wiederkommen.  An dem Wochenende bin ich dann auch noch 200 km zu einer Feier gefahren, zu der ich eingeladen war. Dort bin ich nur auf der Toilette gewesen. Als ich das geronnene Blut sah, habe ich mich jedes Mal wieder gefragt: Ob der Embryo jetzt wohl abgestoßen wurde? Ich hatte solche Angst und konnte niemandem die Wahrheit sagen.

Rohmert: "Bei einem medikamentösen Abbruch kann es zu stärkeren Blutungen kommen als bei einem instrumentellen, weil das Gewebe abgestoßen werden muss, was bei einer Operation schon entnommen wurde. Die Blutungen ähneln einer Regelblutung, sind aber stärker und länger. Die meisten Frauen können das einschätzen und die Blutungen halten sich im Rahmen. Wenn sich Frauen Sorgen machen, ist das oft eine Frage der Wahrnehmung. Frauen bluten schließlich einmal im Monat und wissen, wie das ist und was viel ist und was nicht. Es kann aber vorkommen, dass Frauen, die eher eine schwache Periode gewohnt sind, das als viel stärker und ungewöhnlicher wahrnehmen, als Frauen, die sowieso viel bluten. Es ist deshalb sehr wichtig, dass Frauen von ihrem Arzt vorher gut informiert werden, was normal ist, und wann sie sich Sorgen machen müssen. Dann sollten sie die Ärztin anrufen, die ihnen die Tabletten gegeben hat und sich einen Termin geben lassen."

Am Sonntagabend war ich dann wieder zu Hause, wo ich das Bewusstsein verlor. Ein Krankenwagen brachte mich ins Krankenhaus, dort konnte ich dann endlich alles erzählen. Es wurde mir gesagt, dass ich einen sehr niedrigen Hämoglobinwert habe, weil ich so viel Blut verloren hatte. Hämoglobin transportiert Sauerstoff im Blut. Weil der Sauerstoffanteil so niedrig war, war ich ohnmächtig geworden. Aber der Embryo war dennoch noch nicht abgestoßen worden. Erst als ich auf dem OP-Tisch lag, wo nachträglich eine Ausschabung gemacht wurde, ging er. Ich blieb dann noch ein paar Tage im Krankenhaus.

Rohmert: "Frauen sollten zwölf bis vierzehn Tage nach dem Abbruch zu einem Frauenarzt gehen. Es kann vorkommen, dass er noch Schleimhautreste entdeckt, aber das ist wirklich selten. Frauen machen sich oft Sorgen, dass ein Abbruch nicht klappen könnte. Zu 96 bis 98 Prozent klappt es aber. Das ist für medizinische Behandlungen eine sehr hohe Sicherheit. Dass der Hämoglobin-Wert durch den Blutverlust stark absinkt, ist selten, kann aber vorkommen. Vor allem bei Frauen, die ohnehin einen niedrigen Hämoglobinwert haben. Wenn er sinkt, hilft es, viel zu trinken. Meistens geht es dann auch schon wieder. Selbst bei starkem Blutverlust durch den Abbruch sind eine Medikamenteneinnahme oder gar eine Bluttransfusion fast nie nötig."