Manche glauben an eine neue Revolution, andere wollen einfach nur raus aus dem Land: Wie denken junge Iraner über den Ausstieg der USA aus dem Atomabkommen?

Er hat es getan: Vergangene Woche kündigte US-Präsident Donald Trump an, aus dem Atomabkommen mit dem Iran auszusteigen und neue Sanktionen gegen das Land zu verhängen. Unter anderem soll Iran wieder vom internationalen Bankensystem abgeschnitten werden, Investitionen ausländischer Firmen sollen weitgehend verboten werden. Zehn Jahre lang lähmten diese Maßnahmen zuvor schon Irans Wirtschaft. Medikamente waren knapp, Preise für Lebensmittel stiegen – und damit die Armut im Land. Das Atomabkommen von 2015 sollte diese Sanktionen abschaffen. Als Gegenleistung verpflichtete der Iran sich, keine Atomwaffen zu bauen und dies streng überwachen zu lassen. Jetzt drehen die USA das alles zurück.

Was denken junge Iranerinnen und Iraner über Trumps Entscheidung? Welche Auswirkungen hat der diplomatische Streit auf ihr Leben?

Über Telefon und Messenger-Apps erzählen vier Menschen aus Teheran, wie sie jetzt in die Zukunft blicken. Sie haben konträre politische Standpunkte, ihre Lebenswelten sind verschieden. Bis auf Shirin wollen alle anonym bleiben.

Sie will weg: Nilufar*, 29, bald IT-Doktorandin

Eine Stunde bevor Trump die Hoffnungen vieler Iraner zerreißt, scrollt Nilufar durch eine lange Liste auf der Website der deutschen Botschaft in Teheran. Nilufar sucht ihre Ausweisnummer. Wenn Nilufars Nummer dabei ist, heißt das: Sie bekommt ein deutsches Visum. Sie kommt also raus aus einem Land, in dem sie für sich kaum mehr Chancen sieht. In dem sie als Akademikerin nicht die hochbezahlten Jobs findet, die sie sich wünscht. In dem zu viel verboten ist, was sie gerne mag – tanzen, trinken. Und in dem der wirtschaftliche Aufschwung ausbleibt, den Reformpolitiker mit dem Atomabkommen versprochen haben.

Nilufar findet ihre Nummer auf der Liste. Jetzt kann sie im Juni ihre Promotion in Erlangen beginnen. "Ich bin so glücklich. Endlich, endlich, geht mein Leben weiter", schreibt sie ihren Freundinnen bei WhatsApp. Mit ihrem Freund stößt sie mit etwas Wein an, gekauft auf dem Schwarzmarkt. Kurz darauf vibrieren ihre beiden Handys mit der Nachricht: Trump steigt aus dem Atomabkommen aus. Sie schauen sich das Video seiner Rede an.

Ihr Eindruck: "Er hat nicht nur den Deal aufgekündigt, er hat auch durch seine ganze Rhetorik gezeigt, dass Iraner ihm schlicht und einfach egal sind." Sie meint die Unwissenheit, die Vorurteile, die sie in seiner Rede über den Iran herauszuhören glaubt. "Er bricht ein internationales Abkommen und zerstört die Zukunft von 80 Millionen Menschen, die hier leben. Denn unter den neuen Sanktionen leidet nur die Bevölkerung, nicht das Regime. Dabei hat sich Iran an den Vertrag gehalten. Womit haben wir das verdient?"

Auf das deutsche Visum hat Nilufar zwei Jahre lang hingearbeitet: Nach ihrem Master in Informatik hat sie sich auf Promotionsstellen in anderen Ländern beworben, hat Englisch gelernt, Bewerbungsgespräche über Skype geführt. Eine Stelle in Kanada konnte sie nicht antreten, weil sie die Punktzahl im Englischtest knapp verfehlte. Die Proteste wegen der wirtschaftlichen Lage im Januar tobten vor ihrer Haustür im Zentrum Teherans, sie war abgelenkt. Doch dann fand sie den Promotionsplatz in Deutschland, nach vielen Monaten des Wartens hat die deutsche Botschaft ihr jetzt das Visum erteilt.

Seit Trumps Entscheidung ist ihre Freude, bald ins Ausland zu gehen, getrübt von der Sorge um die, die zurückbleiben werden: "Ich kann gehen, und meine Familie muss in diesem verlorenen Fleck Erde bleiben." Sie fürchtet, dass die Sanktionen all das verschlimmern, was für sie Grund ist, zu gehen: Die wirtschaftliche Lage und die Unterdrückung der kulturellen Freiheiten.

Bei der letzten Wahl im Mai 2017 hat sie Präsident Hassan Ruhani gewählt. Wenn sie bleiben würde, sagt sie, ginge sie ab jetzt nicht mehr wählen – selbst auf die Gefahr hin, dass dann ein Hardliner gewinnt. "Die Reformer können ja offenbar auch nichts für uns tun. Wahlboykott und Emigration ist das Einzige, was mir noch einfällt."