Es ist Ramadan und unsere Autorin fastet. Ist das nicht furchtbar schwer? Allein diese Frage nervt sie schon. Aber ehrlich: Wie fühlt sich das an?

Es ist 23.11 Uhr und mein Dienstag fängt gerade an. Vor eineinhalb Stunden habe ich die erste Mahlzeit des Tages zu mir genommen. Es ist Ramadan. Von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang darf ich nichts essen. Nicht rauchen, nicht fluchen, keinen Geschlechtsverkehr haben und auch nicht trinken. Nein, nicht mal Wasser.

30 Tage insgesamt, die Hälfte habe ich geschafft. Es ist anstrengend, es macht mich müde, es fordert meine Disziplin heraus. Aber das Nervigste sind nicht die 30 Grad oder der knurrende Magen. Das Nervigste sind die ganzen Fragen und Kommentare, die ich nicht mehr hören kann. Weil meine Erklärungen einfach nicht hängen bleiben. Und weil die ganzen Fragen zeigen, dass Muslime, die hier geboren und aufgewachsen sind, und ihre religiösen Gebote, als fremd und andersartig gesehen werden. Ich frage mich wirklich oft, ob die Leute eine ehrliche Antwort erwarten oder ob es auch um Abwehr geht.

Zum Beispiel der Evergreen: "Ist das nicht voll ungesund?", fragt eine Kommilitonin gleich am ersten Tag, als sie ihr fettig paniertes Schnitzel zurechtschneidet. Diese Einschätzung überlasse ich gerne Fachleuten, doch eins kann ich sagen: In meinem Umfeld ist noch niemand gestorben. Fasten darf nur, wer fit ist. Alle anderen sind davon ausgenommen: Kranke, Alte, Kinder, Schwangere, Stillende, Menstruierende, Reisende.

Die Nacht im Ramadan

Zurück zu meinem Dienstag. Mittlerweile ist es 2.35 Uhr. Ich versuche, mindestens jede halbe Stunde ein großes Glas Wasser zu trinken. Das habe ich beschlossen, nachdem ich die ersten vier Tage ins Wasserkoma gefallen bin. Diesen Zustand kennen wahrscheinlich alle Musliminnen und Muslime. Man trinkt so viel auf einmal, dass man sich danach kaum bewegen kann. Ich brauche immer ein paar Tage, bis ich die Wasserregel verinnerliche.

Das Nachtgebet habe ich vor einer halben Stunde verrichtet, jetzt arbeite ich am Laptop an meiner Hausarbeit weiter. Am Tag werden die nötigsten Erledigungen getan und die Nacht wird im Ramadan zu meiner produktivsten Zeit. Aber ich bin auch sonst ein nachtaktiver Mensch. In etwa einer Stunde wird die Morgendämmerung beginnen. Ich packe meinen Laptop zur Seite und vollziehe die rituelle Waschung: Hände und Arme waschen, drei Mal gurgeln, Nase putzen und Gesicht waschen. Dann den Haaransatz befeuchten, mit den Händen am Nacken entlanggehen, mit dem kleinen Finger die Ohren befeuchten und dann die Füße unter Wasser halten. Fertig.

Alles um mich herum ist still, als ich die goldverzierten Seiten des Koran durch meine Finger streife und die Stelle suche, an der ich gestern aufgehört hatte zu lesen, die Geschichte des Propheten Moses. Das Lesen des Koran ist für mich im Ramadan essenziell. Nach dem Glauben der Muslime wurde in diesem Monat der Koran herabgesandt. Deshalb versuchen viele, ihn am Ramadan komplett zu lesen. Ich nehme es mir auch jedes Jahr vor, bisher habe ich es nur zwei Mal geschafft. Dieses Jahr wahrscheinlich nicht. Meine Hausarbeit lässt grüßen. Ich lege das Buch nach einer halben Stunde wieder zur Seite und mache mich jetzt langsam an die Vorbereitung des Frühstücks, auf Arabisch Suhoor genannt.

Das Frühstück im Ramadan

Aktuell dürfen Musliminnen und Muslime in Deutschland bis circa vier Uhr morgens essen, dann beginnt es zu dämmern. Bei mir gibt es selbst gebackenes Bananenbrot, ein paar Blaubeeren und natürlich viel Wasser. Gestern stand ich um kurz vor Mitternacht bei meiner Nachbarin vor der Tür. Ich wollte etwas Zucker für den Kuchen: "Um diese Uhrzeit essen, wie machst du das nur? Ich könnte keinen Bissen runterkriegen", hat sie mich gefragt. Ehrlich gesagt ist es es nur eine Gewohnheitssache. Mittlerweile freue ich mich auf das nächtliche Frühstück, vor allem auf den Blick nach draußen. Ich zähle die Fenster, hinter denen die Lichter angehen, wissend, dass hinter den meisten eine andere muslimische Familie oder Person sitzt und gerade frühstückt.

Ich esse auf, trinke mein letztes Glas Wasser, verrichte das Morgengebet und lege mich schlafen. Das letzte Mal, als ich auf die Uhr blicke, ist es 4.33 Uhr.

Der Fastentag geht weiter

Rund sieben Stunden später bin ich auf dem Weg zur Uni. Im Ramadan komme ich viel schneller aus dem Haus. Tee kochen, einen Toast essen oder eine fancy Instagram-Bowl zubereiten – das alles fällt weg.

Normalerweise hätte ich um diese Uhrzeit mindestens einen Kaffee intus, noch einen in der Hand und ein belegtes Laugenbrötchen vom Bäcker auf die Schnelle gefrühstückt. Mir fällt gar nicht mehr auf, wie selbstverständlich ich andauernd Lebensmittel konsumiere.