Wladimir Putin ist erneut als Russlands Präsident vereidigt worden. Wie bewerten junge Russlanddeutsche das deutsch-russische Verhältnis? Und sehen sie sich als Deutsche?

Zum vierten Mal ist Wladimir Putin zum russischen Präsidenten vereidigt worden. Seit 2000 regiert er Russland, mit einer Unterbrechung als Ministerpräsident von 2008 bis 2012 war er dessen Präsident. Das Verhältnis zu Deutschland hat in den vergangenen Jahren gelitten: Der Ukraine-Konflikt, die Annektierung der Krim, die mutmaßlichen Wahlmanipulation bei der US-Präsidentschaftswahl und die Unterstützung des syrischen Regimes im Syrien-Krieg belasten das deutsch-russische Verhältnis. 

Dabei hat gerade Deutschland eine ganz besondere Beziehung zu Russland – linke Politiker fordern immer wieder Annäherung, auch die AfD will, dass die Russland wegen der Konflikte auferlegten Sanktionen aufzuheben. Politisch führen die deutsch-russischen Probleme zu merkwürdigen politischen Koalitionen. Und gesellschaftlich? Es gibt eine Gruppe von Menschen, die die deutsch-russische Beziehung am eigenen Körper erfährt: Russlanddeutsche.

Sie können die Frage, ob sie deutsch oder russisch sind, nicht so einfach beantworten. Ihre Vorfahren wurden vor 250 Jahren von Katharina der Großen nach Russland eingeladen und später unter Stalin als ethnische Deutsche innerhalb der Sowjetunion zwangsdeportiert. In den Neunzigerjahren kamen ihre Familien dann als sogenannte Aussiedler aus Kasachstan, Kirgistan und Sibirien nach Deutschland – und galten hier einfach als Russen. Wie denken sie über die deutsch-russische Beziehung? Wie sehen sich die Kinder dieser Aussiedler selbst? Wir haben mit drei jungen Russlanddeutschen gesprochen.

Russland
Putin als russischer Präsident vereidigt
Mit einer feierlichen Zeremonie ist Wladimir Putin im Kreml zum vierten Mal als russischer Präsident vereidigt worden. Laut Verfassung müsste es seine letzte Amtszeit sein.

Polina*, 24, aus der Nähe von Köln

Den russisch-europäischen Konflikt kenne ich vom Küchentisch. Meine Eltern sind Putin-Fans, ich kann ihn nicht leiden. Vor einiger Zeit saßen wir am Esstisch, wo wir oft stundenlang zusammenkommen und reden, als es in den russischen Nachrichten um Alexej Nawalny ging, den russischen Oppositionspolitiker. Er war mit Säure angegriffen worden, aber der Kreml untersuchte das nicht. Das regte mich auf. Meine Mutter sagte: Putin hat recht. Warum sollte der Kreml Angriffe auf Oppositionelle untersuchen?

Das war so ein Moment, in dem ich gemerkt habe, dass wir nicht auf einen Nenner kommen werden, egal wie lange wir diskutieren und argumentieren – weil die andere Seite keine Kritik zulässt. Seitdem habe ich das Thema ruhen lassen, weil ich mich nicht mit meinen Eltern über Politik streiten will. Dadurch, dass sie russisches Staatsfernsehen konsumieren und ich gar nicht, haben wir einfach konträre Ansichten über Russlands Politik.

Die Familie meiner Mutter kommt von der Krim, und meine Großeltern leben noch dort. Mein Opa stammt von den Krimtataren ab, die damals von Stalin enteignet wurden. 2013 haben viele Tataren vor der Machtübernahme Russlands vor dem Parlament demonstriert, heute bilden sie auf der Krim die Opposition. Aber mein Opa ist absoluter Putin-Fan. Er sagt, die Krim habe Putin viel zu verdanken. Und seit der Ukraine-Krise sind auch meine Eltern noch größere Putin-Befürworter – und ich versuche, das Ganze von beiden Seiten zu betrachten, aber es fällt mir schwer.

Meine Eltern haben mir sehr viel von der russischen Kultur mitgegeben. Meinem deutschen Freund und auch meinen Freunden fällt es manchmal schwer, einige unserer Bräuche und Aberglauben nachzuvollziehen. Bevor eine Reise angetreten werden kann, muss sich die ganze Familie zum Beispiel noch mal ein paar Sekunden schweigend im Wohnzimmer hinsetzen. Man darf auf keinen Fall im Haus pfeifen, sonst läuft das Geld weg. Wenn wir von schlechten Dingen sprechen, müssen wir dreimal über die Schulter spucken und auf Holz klopfen, um das Unglück abzuwenden. Und zum Frauentag müssen den Frauen natürlich Blumen mitgebracht werden – auch wenn viele Deutsche diesen Feiertag, so wie wir ihn feiern, nicht ernst nehmen und sagen, hier müsse man den Frauen keine Blumen schenken.

"Wo liegt denn Kirgistan? Und wie seid ihr da hingekommen? Aber du siehst doch gar nicht kirgisisch aus!"

Meinen Freunden gegenüber würde ich mich als Russlanddeutsche oder als russische Deutsche bezeichnen, denn sie wissen natürlich, dass ich einen russischen Hintergrund habe und häufig dort bin. Bei Fremden stelle ich mich meist als Deutsche vor. Das Problem ist, dass meine Familiengeschichte immer mit viel Erklärerei verbunden ist. Meine Mutter ist Ukrainerin mit russischen und ukrainischen Wurzeln, mein Vater wurde in Sibirien als Sohn eines Wolgadeutschen und einer Russin geboren, und ich kam dann in Kirgistan zur Welt. 1995 sind wir nach Deutschland immigriert. Auf diese Geschichte folgt dann immer eine Salve Fragen: "Wo liegt denn Kirgistan? Und wie seid ihr da hingekommen? Aber du siehst doch gar nicht kirgisisch aus!"

Wenn ich mit Deutschen über die deutsch-russischen Beziehungen spreche, versuche ich immer zu erklären, dass es den meisten Russen in erster Linie darum geht, am Ende des Tages ein warmes Essen und ein warmes Zuhause zu haben und nicht so sehr darum, wer welche Rechte hat. Man könnte sagen, dass die russische Gesellschaft noch dort steht, wo Deutschland in den Siebzigern und Achtzigern war. Wenn man das aus dieser Perspektive betrachtet, dann kann man auch besser nachvollziehen, wie die Menschen dort ticken. Ich glaube, dass man an Russland einfach noch nicht den gleichen Demokratiemaßstab anlegen kann wie an Deutschland. Solche Prozesse brauchen Zeit. 

*Name von der Redaktion geändert, Wohnort anonymisiert