Knacken, Rascheln, Flüstern: Nirgendwo findest du Ruhe in der Bibliothek. Das liegt an mir. Bekenntnis eines Störers

Hallo. Ich bin es. Ja, ganz genau: der. Wir sind uns schon mal begegnet. Ich habe dich damals gestört. Und ich werde es wieder tun. Denn ich bin der Störer.

Kennst du das: Du willst einfach nur sitzen und lesen? Lernen? Grundschulkameraden auf Facebook aufspüren? Denn du bist ein guter Studi. Zumindest halbwegs. Du weißt zwar nicht immer was Kant und was Hegel ist, aber immerhin dich zu benehmen. Du redest, wenn es an der Zeit ist zu reden. Du lachst, wenn es an der Zeit ist zu lachen. Und du rebellierst, wenn es an der Zeit ist zu, hmm, na ja, vielleicht später.

Du brauchst Ruhe. Deshalb gehst du in die Bibliothek. Zum Denken. Zum Schreiben. Zum Schlafen. Um deine erotische Zuneigung zu Leselampen auszuleben.

Falsch gedacht: Hallo, hier bin ich! Ich habe dich schon erwartet. Und ich lasse dich nicht mehr in Frieden. Auch wenn es das Letzte ist, was ich tue. Zugegeben – das ist unwahrscheinlich. Denn ich habe eine Ausdauer, die ans Ungeheure grenzt. Und ich bin selten allein. Zusammen mit meinen besten Freunden Malte, Madita und Torben mache ich dir das Leben zur Hölle. Du wirst uns nie mehr vergessen.

Ich schwatze. Wir schwatzen. Unaufhörlich: zehn Minuten BWL-Tabellen krakeln, dann wieder schwatzen. Gerade dann, wenn du denkst: "Jetzt haben sie aber mal ausgeschwatzt! Halleluja!" – gerade dann machen wir weiter. Wir müssen unsere Ressourcen ja effizient nutzen: krakeln, schwatzen, krakeln, schwatzen. Für immer.

Warum seid ihr denn überhaupt hierhergekommen, wirst du fragen. Schwatzen kann man doch woanders!

Kann man. So gut wie hier aber schwatzt es sich nirgends. Erst in der Stille entfalten Worte doch erst ihre volle Wirkung. Lach mal bei einer Beerdigung, dann wirst du es merken.

Außerdem lieben wir die Gefahr. Jederzeit könnte eine eingerostete Bibliothekarin mit im Haar festgemeißelter Fielmann-Brille um die Ecke huschen und uns mit bösen Augen anfauchen, ein dreieinhalbfach prekär untergehender Humangeografie-Doktorand mit ordentlich Dampf im Kessel uns seinen Burn-out in den Kapuzenstoff kotzen – oder gar du dich beschweren. Schließlich hast du den Selbstbewusstseinskurs im Kernmodul Schlüsselkompetenzen besucht und in der Schule beim Theaterstück den Wind gespielt. Du nimmst nicht alles hin. Du wehrst dich auch mal. "Schh" machst du. "Schhh! Schhhh!" Immer wieder. Als würde das etwas bewirken. Süß.

Hör mal, Schätzchen: Wir schwatzen ja nicht erst seit gestern. Wir haben Übung da drin. Wir schwatzen und tuscheln und flüstern, wir labern und rascheln in allen Farben, Formen und Tonalitäten. Wir sind einfach super gut da drin. Das A bis Z des Schwatzens: Wir haben es drauf. Wir müssen Lärm machen, wenn wir kommunizieren, und wir müssen kommunizieren, weil wir halt Lärm machen müssen. Weil es so Spaß macht. Weil es gar nicht anders geht.

M wie Musik. K wie Klappern. F wie Fingerknacken. S wie spontane Hautpflegekonferenz. T wie Toilettengang, Tür auf und Tür zu. Terror. Wir treiben dich in den Wahnsinn. So lange, bis selbst das kleinste Geräusch dir wie ein Trompetenorchester erscheint. A wie Atmen.

Du willst uns verstehen, das ist dein größtes Problem. Wir kommunizieren. Aber was? Wir sprechen deine Sprache. Wir sagen etwas. Und du hörst zu, automatisch, das kannst du noch so sehr nicht wollen. Widerstand ist zwecklos. Zu leise zum Zuhören, zu laut zum Ignorieren. Wir füllen den Raum mit Stimmengeraschel, mit P-P-P-P-Plosiven und anderen K-K-K-K-Konsonanten. Wie in diesen geisteskranken ASMR-Flüstervideos, nur in echt.

Wenn du tatsächlich verstehst, was wir sagen: umso schlimmer. Wir dringen ein in deinen Kopf mit unserer Gedankenscheiße – was wir im Internet gefunden haben, mit wem wir gerne schlafen würden und warum das mit den BWL-Tabellen mal wieder nicht klappt. Und natürlich was wir sonst so ganz allgemein finden und fühlen und meinen. Wir affizieren alles und jeden mit unserer Fäulnis. Schau mal, deine Nerven verrotten.