Die linke Hochschulgruppe war ihm nicht radikal genug. Jan-Lukas wollte lieber an der Seite der Kurden den IS bekämpfen. Warum zieht ein Soziologiestudent in den Krieg?

"Wie lange ich hier jetzt bleibe, weiß ich nicht. Wir sind gerade nicht einsatzbereit. Rakka wurde ja vor Kurzem befreit und die meisten Fahrzeuge sind in Reparatur, aber wie lange, wissen wir nicht. Es kann sein, dass wir nächste Woche weggehen." – 31. Oktober 2017 per Sprachnachricht

Sîdar, 23 Jahre alt, sitzt auf dem staubigen Boden, raucht ultraleichte Gauloises, die sie hier Commander-Zigaretten nennen, und nimmt eine Sprachnachricht auf. Im Hintergrund spielen Kinder mit einem Elektroschocker. Der Generator, an dem Sîdar das Handy aufladen kann, brummt. "So vergehen hier viele Tage. Wir trinken Tee und warten, bis etwas passiert", sagt er.

Sîdar trägt Uniform, ein Kufiya-Tuch um den Hals und auf dem rechten Oberarm das gelb-rot-grüne Abzeichen der YPG, der kurdischen Volksverteidigungseinheit, die in Syrien gegen den IS kämpft. Von seinem Stützpunkt in Serê Kaniyê im Norden des Landes aus kann er die türkische Grenze sehen, die Front ist weit weg. Es ist Oktober 2017, drei Monate bevor die Angriffe um Afrin losgehen. Vor wenigen Wochen hieß Sîdar noch Jan-Lukas, studierte Soziologie und Politikwissenschaft in Kassel und engagierte sich im Studierendenparlament. Jetzt heißt Jan-Lukas Sîdar und wartet darauf, IS-Kämpfer töten zu können.

Der Entschluss

 "Im Rahmen eines Wehrdienstes in den Krieg zu ziehen, wird als Normalität hingenommen. Wenn ein Mensch ein emanzipatorisches, progressives Projekt gegen die menschenverachtenden Banden von Daesh (abwertendes arabisches Akronym für Islamischer Staat) verteidigt, wird er für verrückt erklärt. Ich sehe das genau umgekehrt. Daher verteidige ich, als Freiwilliger der Volksverteidigungseinheiten (YPG), für mindestens ein halbes Jahr die demokratische Konföderation in Nordsyrien gegen äußere Feinde." 02. Oktober 2017 auf Facebook

Mit diesen Sätzen kündigte Jan-Lukas am 02. Oktober 2017 seine Entscheidung an, in den Krieg zu ziehen. Er hat gerade die Bachelorarbeit abgegeben. Jetzt will er nach Syrien fahren, um die kurdische Miliz im Kampf gegen den IS zu unterstützen. Ein Gap Year im Krieg, Front statt Vorlesungssaal.

Wann genau er den Entschluss getroffen hat, nach Syrien zu fahren, kann Jan-Lukas nicht sagen. Die Radikalisierung war ein schleichender Prozess, sagt er. Als Kind ging Jan-Lukas auf eine katholische Schule, seine Eltern waren aktiv in der Freikirche, streng konservativ, als Jugendlicher war er Mitglied der Jungen Union. Dann kam er an die Uni.

Da fing Jan-Lukas an, Bourdieu zu lesen, trat aus der Jungen Union aus und wurde Mitglied der LiLis, der Unabhängigen Linken Liste in Kassel, eine basisdemokratische Hochschulgruppe.

"Ich dachte, du musst auch mal praktisch was tun, etwas, das einen Bruch darstellt zwischen dieser konservativen Scheiße und dem, was du glaubst."
Jan-Lukas

"Ich finde, dass der politische Diskurs in Deutschland wieder radikaler werden und man sich mit grundlegenden Alternativen auseinandersetzen muss", sagt Jan-Lukas. Er hadert mit dem Linkssein, spürte einen ständigen Bruch zwischen linker Ideologie, die er in Seminaren aufsog und verinnerlichte, und dem Leben, das er führte. "Ich dachte, du musst auch mal praktisch was tun, etwas, das einen Bruch darstellt zwischen dieser konservativen Scheiße und dem, was du glaubst."

Jan-Lukas wollte radikaler werden. Den Impuls, dafür nach Syrien zu gehen, bekam er im Auslandssemester von Erdoğan. Im Sommer 2017 lebte Jan-Lukas für mehrere Monate in Istanbul. Es war die Zeit nach dem Verfassungsreferendum. Die Zeit, in der die Republik abgeschafft und durch eine Diktatur ersetzt wurde, so sagt es Jan-Lukas. Bei einem Protest wird er von der Schrotkugel der Polizei am Hintern getroffen, eine Freundin von ihm an der Wirbelsäule. "Ich würde nicht sagen, dass diese Erfahrung mich radikalisiert hat, aber es hat mich darin bestätigt, zu glauben, wie ernst die Situation der Kurden ist."

Auf dem Weg nach Rojava

Auf Veranstaltungen der Lions of Rojava, eine Gruppe, die den Einsatz Freiwilliger koordiniert, lernt er mehr über den Kampf der Kurden. "Kämpfe für ein aufstrebendes, vorbildhaftes System von Gleichheit, Freiheit, Demokratie und sozialer Gerechtigkeit in Syrien und dem Nahen Osten", fordert die Organisation Interessierte auf. Auf ihrer Facebook-Seite stehen drei Frauen lachend im Gras. Dahinter Panzer. Jan-Lukas will Teil dieser Idee sein.

Zwei Monate nach Abgabe seiner Bachelorarbeit sitzt Jan-Lukas im Flugzeug nach Sulaimaniyya, eine Universitätsstadt im Norden des Iraks. Von dort sind es noch 24 Stunden zu Fuß und mit dem Pick-up über die Grenze nach Rojava. Auf dem Weg erhält er von einer Kämpferin seinen kurdischen Namen: Sîdar, Schatten eines Baumes.