Er schreibt Arbeiten, für die jemand anders einen Abschluss bekommt. Warum er trotzdem kein schlechtes Gewissen hat, erklärt ein Ghostwriter im anonymen Gehaltsprotokoll.

Als ich das erste Mal eine Arbeit unter falschem Namen geschrieben habe, fühlte ich mich super. Es war sehr angenehm, eine Distanz zum eigenen Produkt zu haben. Ich hatte damals gerade meinen Master abgeschlossen, war also noch im Schreibmodus, und wollte Geld verdienen. Ein Bekannter, der zu dieser Zeit Kunst studierte und bis dahin nur praktisch gearbeitet hatte, sollte eine theoretische Abschlussarbeit für ein Seminar schreiben. Er war vollkommen überfordert – ich sagte, ich würde das für ihn übernehmen. Für 500 Euro. Eigentlich war das nur so dahergesagt, aber ein paar Tage später rief er an und sagte, er hätte das Geld. Das war im Januar 2015, und damit fing alles an. Drei Tage brauchte ich für die Arbeit. Als ich fertig war, dachte ich: Damit kann ich Geld verdienen.

Hast du schon einmal eine Hausarbeit gekauft? Wir wollen wissen, wie das ist: Was hast du schreiben lassen? Und hast du es bereut? Dafür brauchen wir deine Hilfe. Auch falls du nie einen Ghostwriter beauftragt hast.

Für eine Abschlussarbeit nehme ich 2.000 Euro, für eine Hausarbeit 300 bis 500 Euro. Damit bin ich günstiger als die meisten Agenturen. Die Preise bei denen schwanken stark, können aber doppelt so hoch sein. Bei mir gibt es keine Verträge, keine Inserate, keine Agentur, bezahlt wird in Bar und im Voraus. Der Kontakt kam immer auf persönlicher Basis oder auf Empfehlung zustande. Man braucht Vertrauen auf beiden Seiten. Die Empfehlung von Bekannten und Freunden ist die beste Werbung – und der Bedarf ist da. In der Regel bin ich fachfremd in den Gebieten, über die ich schreibe, überzeugen musste ich aber nie jemanden. Manchen war es vielleicht auch egal, die Arbeit sollte nur geschrieben werden und die Ergebnisse waren immer überdurchschnittlich. Die Verantwortung für den Text und das Ergebnis habe ich komplett übernommen. Es gab aber nie irgendwelche Probleme, weder auf meiner Seite noch auf Seiten der Auftraggeber und Auftraggeberinnen. Ich habe immer die Schritte meiner Arbeit kommuniziert und meine Gedanken und Prozesse nachvollziehbar gemacht. Auch für den Fall eines Nachgesprächs mit Dozentinnen. 

Man kann mit Ghostwriting seinen Lebensunterhalt finanzieren, leicht verdientes Geld ist es trotzdem nicht. Wenn ich im Monat eine Bachelor- und Hausarbeit geschrieben habe, dann reichte das, um gut über die Runden zu kommen. Effektiv habe ich damit ungefähr 2.400 Euro im Monat zum Leben gehabt. Vor allem aber konnte ich außerhalb des wissenschaftlichen Betriebs wissenschaftliche Arbeit betreiben. Ich bin unabhängig von Forschungsgeld und Institutionen und verdiene damit Geld. Für mich ist das Luxus.

Schon im Studium hatte ich erlebt, wie wenig vorbereitet viele Kommilitonen und Kommilitoninnen sich auf das Schreiben empfunden haben. Mir fiel das immer sehr leicht. Im Grunde ist das, was an der Universität verlangt wird, eine Gussform, in die man beliebigen Inhalt gießen kann. Die Form bleibt dabei aber immer gleich. Es geht darum, Lesbarkeit herzustellen und den aktuellen Stand der Wissenschaft abzuklopfen. Das eigene Interesse am Thema, alles, was man während des Semesters liest, führt häufig zu einem subjektiven, wenig wissenschaftlichen Ergebnis. Studenten wollen meist das Rad neu erfinden – und genau das will dieses Format nicht. Als Autor von außen, ohne Bindung ans Thema, also als Ghostwriter, ist mir der Kontext egal. Es geht nur um die jeweilige Forschungsfrage – sie ist der Ausgangspunkt. Sie gilt es sauber zu beantworten, mehr nicht.

Ich hatte nie das Gefühl, etwas Unmoralisches zu tun.

Die Universität, das lernte ich während meines Studiums, ist eine durchökonomisierte Institution, in der es um Effizienz und Cleverness geht. Die Elfenbeinturmromantik, mit der ich in mein eigenes Studium gestartet war, ist schnell verflogen. Kaum Bewegungsfreiheit, Creditpoints sammeln und modulorientierte Seminarwahl. Ich fing an, den ganzen Betrieb zynisch zu betrachten – Schnelligkeit und Effizienz hatte ich in Fabriken erwartet, nicht an der Uni. Nach der ersten Enttäuschung erschien mir das nur logisch: Vielleicht fünf Prozent der Studenten gehen nach ihrem Abschluss in die Wissenschaft, der Rest studiert, weil sie mit der Vorstellung aufgewachsen sind, man müsse das machen. Man übt sich in wissenschaftlichen Methoden, die für die meisten Studenten aber im Endeffekt weder berufsbezogen noch interessant sind. Ich überlegte also, wie ich in diesem System am ehesten funktionieren und davon profitieren konnte: Meine Aufgabe als Ghostwriter habe ich darin gesehen, dieses neu entstandene Ungleichgewicht auszutarieren, indem ich als externer Autor die Aufgaben umgesetzt habe, die für viele Studenten nur lästig und zeitaufwendig sind. 

Das Studium ist Stress. Man liest unendlich viel, versucht mit dem Stoff Schritt zu halten, möchte vielleicht auch mal außerhalb des Fachbereichs eine Vorlesung oder ein Seminar besuchen oder in den Semesterferien raus aus der Bibliothek. Unabhängig von den Fertigkeiten kommt der Zeitmangel hinzu. Darunter leidet die Qualität der Arbeiten, der Student und zum Schluss auch die Wissenschaft. Wenn jemand wie ich, der das System kennt und es für alle Beteiligten produktiv nutzbar machen kann, diese Zeit zum Kauf anbietet, ist allen geholfen. Ich hatte nie das Gefühl, etwas Unmoralisches zu tun. Im Gegenteil: Ich glaube, das ist die Optimierung des Systems, mit dem wir uns eben konfrontiert sehen. Ich bin so effizient wie möglich. Wenn jemand ein paar Hundert Euro für eine Hausarbeit übrig hat, es aber an Zeit, Lust oder Kompetenz mangelt, bin ich da: Ich habe die Zeit, die Lust und die Kompetenz.

Im vergangenen Jahr habe ich acht Abschlussarbeiten und unzählige Hausarbeiten geschrieben. Bis ein Auftrag kam, der dann erst mal der letzte sein sollte. Ich kann nur sagen, dass es in den Bereich der Mathematik ging. Zwar habe ich die Arbeit angenommen und auch erfolgreich geschrieben, es wurde aber zum ersten Mal knapp, das geforderte Ergebnis zu erreichen. Ende 2017 war das, und da habe ich gemerkt: Jetzt reicht es. Fachfremd zu arbeiten, ist ja auch immer eine Form von Selbstermächtigung. Den Wettkampf mit sich selbst, den kann man auch zu weit treiben. Das ist gefährlich für einen selbst und die Auftraggeber und Auftraggeberinnen. Nach der letzten Arbeit habe ich gemerkt, dass ich meine Grenze erreicht habe, sowohl inhaltlich als auch mit meiner Freude daran. Ich habe danach erst mal alle Anfragen abgelehnt, egal wie spannend das Thema war. Ich wollte etwas Neues machen und habe einen regulären Job angenommen: Ich arbeite im Moment in einer Werbeagentur, da verdiene ich dasselbe Geld in ein paar Tagen. Kürzlich habe ich wieder eine Anfrage bekommen, aus dem Bereich Kunstgeschichte, darauf habe ich schon Lust bekommen. Vielleicht schreibe ich die einfach.

Protokoll: Dennis Schmees