Für die Jungs ist es normal, jemanden zu beleidigen, indem man ihn Scheißjude nennt, oder zu sagen: Dich hätten sie im KZ vergasen sollen. Und dass Berat dann antwortet: dich gleich mit. Nicht, weil er ein Depp ist, nicht, weil er Juden oder Israel hasst, sondern weil es einfach nichts Besonderes ist. So, wie es nichts Besonderes ist, zu Hause von seinem Vater eine aufs Maul zu bekommen, wenn man Scheiße gebaut hat. So wie "schwul" und "behindert" auf Schulhöfen in Deutschland normale Beleidigungen sind.

Ändern will das der Verein Jungs e. V., der diese Fahrt organisiert, zum sechsten Mal schon. In Workshops in Duisburg mit Jungs wie Berat stellten die Organisatoren fest, dass Antisemitismus Alltag ist, vor allem unter jungen Muslimen. Und dass niemand diesen Jungs das Gefühl gibt, echte Deutsche zu sein.

Wenn es um die NS-Zeit geht, hören manche von ihren Lehrern: Mit euch hat das ja nichts zu tun. Das ist der zweite Grund, aus dem sie hier sind: Um herauszufinden, was Auschwitz mit ihnen zu tun hat. Vor vier Wochen und fast 1.000 Kilometer von Auschwitz entfernt begann in Deutschland mit den Heroes die Vorbereitung: NS-Herrschaft, Rollenspiele, Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte.

"Ich will verstehen, warum die Nazis die ganzen Juden umgebracht haben", sagt Berat. Er will die Gaskammern sehen, mit den Spuren der erstickenden Menschen an den Wänden, will sich hineinfühlen in das Grauen. Er will wissen, wie es gewesen wäre, als Häftling dort zu sein. Er interessiert sich schon lange für den Zweiten Weltkrieg, früher vor allem für Panzer und Soldaten. Dann gab ihm sein Informatiklehrer das Tagebuch der Anne Frank, 14 war er da. Er las es. "Das war krass", sagt er. 

"Das wird ein Faustschlag ins Gesicht, glaube ich. Ich glaube nicht, dass ich danach noch Witze über den Holocaust bringen werde."
Berat Ergüner

Aber das mit Jude oder Holocaust als Schimpfwort, sagt er, das sei was anderes, da geht es darum, krass zu sein, und dann blickt er kurz auf vom Bürgersteig, macht sich nicht mehr breit, schaut mit großen Augen wieder auf und fragt: "Weißt du, was ich meine?"

Was er meint, ist: Wenn du ein junger Mann in Duisburg-Hamborn bist, geht es um Respekt. Und Respekt kriegst du, wenn du ein geiles Auto fährst. Respekt kriegst du, wenn du heftige Dinge sagst. Und Scheißjude ist halt heftiger als Arschloch. Er sagt das in einem Ton, der klingt wie: Das ist einfach so. Aber Auschwitz, das sagt er auch, Auschwitz wird das verändern. "Das wird ein Faustschlag ins Gesicht, glaube ich. Ich glaube nicht, dass ich danach noch Witze über den Holocaust bringen werde."