© Hannes Schrader für ZEIT ONLINE

Um sie herum gehen Männer und Frauen mit geflochtenen Hüten und in Funktionshosen von Baracke zu Baracke. Schwalben schießen durch die Zwischenräume, ihre Jungen nisten im Giebel und piepsen ununterbrochen. "Es ist so komisch einfach, es ist so schön hier. Weißt du, ich schaue links und da ist das Gras, da sind diese Häuser, die aussehen wie bei mir zu Hause. Und rechts steht der Stacheldraht", sagt Berat.

Je länger der Rundgang, desto tiefer sinkt Berats Kopf, seine Augen verengen sich zu Schlitzen. Er schaut zu Boden, schlurft über den Kies, der unter seinen Füßen knarzt, die weißen Sohlen seiner Nikes sind staubig. Berat weint nicht, er schreit nicht, er atmet nicht erschüttert aus, während die Führerin erzählt. Zwischen den Stacheldrahtgängen, wo früher Kinder zu den Experimenten von Josef Mengele gebracht wurden, gibt er Vladi sein Handy und sagt: "Bruder, mach mal 'n Foto." Berat macht die Schultern breit und schaut in die Kamera. Dann lässt er sie wieder sacken und trottet davon.

"Nachdenken, Bruder. Morgen reden wir."
Berat Ergüner

Berat will den Holocaust verstehen, indem er ganz nah rangeht und die Hand über die Kratzspuren an der Wand der Gaskammer hält. Er will das Leid spüren, hören, sehen. Wenn der Holocaust droht, zu nah zu kommen, hält er sein Smartphone dazwischen.    

Als die Jungs das Lager verlassen, lacht er wieder. Hinter dem Zaun kommt das Leben zurück, es wird wieder gegessen, getrunken und geselfiet. Er setzt sich auf den strahlend grünen Rasen und isst mit den anderen Milchbrötchen.

Nach dem Besuch geht Berat zurück über die gepflasterten Bürgersteige, zurück über die Soła, und je länger er geht, desto breiter wird sein Gang, bis er wieder auf dem Marktplatz steht, wo die Geranien blühen. Es ist fast 18 Uhr und jetzt muss er erst mal schlafen. "Nachdenken, Bruder. Morgen reden wir", sagt er und verabschiedet sich.

Gedanken sortieren

Am nächsten Tag biegt er hinter der Soła links ab und schlendert hinunter ans begrünte Ufer, wo eine Kuh grast, bewacht von einem Mann ohne Zähne. "Ich hatte im Lager das Gefühl", sagt Berat, "dass sich meine beiden Identitäten kreuzen. Einerseits bin ich Deutscher, und als Deutscher wäre ich Täter gewesen, ich hätte den Frauen bei der Einweisung ins Lager den Kopf kahl rasiert." Aber dann habe er sich vorgestellt, dass seine Mutter als Türkin vielleicht Häftling gewesen wäre, wie sie sich nackt hätte ausziehen und er ihr die Haare hätte abschneiden müssen. "Das hat mich wütend gemacht." Er hebt seine Arme, um seine Gedanken zu sortieren.

"Ich würde auf jeden Fall keinen Witz mehr über den Holocaust bringen. Aber ich vermute schon, dass ich ab und zu noch sagen werde: du Jude. Aber ich würde nicht sagen: Ich verbrenne dich wie die Juden in der Gaskammer. Weil: Das gesehen zu haben, war einfach krass." Und wenn seine Kollegen solche Sprüche bringen, würde er mit ihnen schimpfen.

Berat erzählt, für ihn verlaufe ein Spalt durch die deutsche Geschichte: "Deutschland, das ist eine Demokratie. Deutschland, das sind coole Leute und Spaß. Das alte Deutschland ist nicht das Deutschland von heute." Aber die Geschichte werde immer zu Deutschland gehören, sagt er. "Deshalb kann Deutschland gar nicht sagen, wir nehmen keine Flüchtlinge auf. Weil: Wir sind ja der Grund, warum die Juden geflüchtet sind." Er sagt das so daher, ganz selbstverständlich. Aber zum ersten Mal setzt er ein "Wir" zu "Deutschland".