Junge Mexikaner sind in einem Land groß geworden, das von Mord und Korruption beherrscht wird. Für wen stimmen sie bei der Präsidentschaftswahl an diesem Sonntag?

An diesem Sonntag wählen die Mexikaner einen neuen Präsidenten. Außerdem werden rund 3.400 weitere Ämter besetzt, die meisten in der Lokalpolitik. Es sind die umfassendsten Wahlen in der Geschichte des Landes. Und der Wahlkampf ist blutig: Mehr als hundert Politiker sind seit Beginn des Wahlkampfes im September 2017 ermordet worden. Drogenkartelle bestechen Politiker, weil sie ihren Einfluss nicht verlieren wollen. Dabei erreichte die Gewalt bereits im Jahr davor ein Rekordhoch: im Jahr 2017 wurden in Mexiko rund 23.000 Menschen umgebracht. Nur in Syrien ist die Mordrate höher.

Junge Mexikaner sind im Drogenkrieg groß geworden. Gewalt, Korruption und Raubüberfälle gehören zu ihrem Alltag. Mehr als jeder vierte Wahlberechtigte ist zwischen 18 und 29 – doch diese Altersgruppe wählt am seltensten. Einige haben das Vertrauen in die Politik längst verloren. Andere setzen ihre Hoffnungen auf den linken Kandidaten Andrés Manuel López Obrador, der in Umfragen klar vorne liegt. Doch er polarisiert das ohnehin gespaltene Land noch weiter. Wir haben vier junge Mexikaner gefragt, wie sie ihr Land vor der Präsidentschaftswahl erleben.

Manuel Abdul Pineda Domínguez, 25 Jahre alt, wohnt in Mexiko-Stadt

Immer wenn ich das Haus verlasse, habe ich Angst, dass mir etwas passieren könnte. Dass mich jemand überfällt oder vielleicht sogar umbringt. Fünfmal wurde ich schon überfallen. Sie haben mir immer wieder alles abgenommen: Smartphone, Portemonnaie, Rucksack. Ich musste zum Teil Monate lang sparen, um die Wertsachen zu ersetzen. Das Smartphone zu Hause lassen will ich trotzdem nicht, denn mit meinen Freunden schreibe ich meistens über WhatsApp und Messenger. Als ich das fünfte Mal überfallen wurde, habe ich mich gewehrt und konnte entkommen. Aber das ist extrem gefährlich, denn viele Kriminelle sind bewaffnet und nicht gerade zimperlich.

Im April ist der Vater einer Freundin ermordet worden. Er war mit dem Auto unterwegs zu seiner Familie. Die Mörder haben ihm dreimal in den Kopf geschossen und seine Leiche an den Straßenrand geworfen. Dann sind sie mit seinem Auto weggefahren. Ich glaube, er war ein ehrlicher Mann, ein guter Familienvater und Angestellter, es könnte sein, dass sie einfach nur sein Auto wollten. Doch sicher kann man sich hier nie sein. In Mexiko sind viele Menschen auf die eine oder andere Weise in Drogen-, Waffen- oder Menschenhandel verstrickt.

Trotzdem bin ich dagegen, den vielen Morden durch solche Vermutungen weniger Bedeutung beizumessen, sie kleinzureden nach dem Motto: "Bestimmt hatte er Dreck am Stecken." Denn viele Menschen sterben unschuldig, einfach weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort sind.

Auch die Polizei ist gewalttätig. Mich haben sie schon mehrfach geschlagen.
Manuel Abdul Pineda Domínguez

98 Prozent aller Gewaltverbrechen werden in Mexiko nicht aufgeklärt. Die Gewalt ist normal. Nach einer Woche redeten die Nachbarn schon nicht mehr über den Mord am Vater meiner Freundin, die Ermittlungen wurden eingestellt und die Medien haben sich aktuelleren Verbrechen zugewandt. Weil es neue Morde gab, weil weitere Menschen auf der Straße, in Restaurants, Bars und sogar in ihren eigenen Häusern hingerichtet wurden.

Dazu kommt die Korruption. Ich wurde schon mehrfach von der Polizei angehalten, als ich zu Fuß oder mit dem Auto unterwegs war. Die Polizisten erfanden dann irgendeinen Grund, warum ich angeblich Strafe zahlen sollte. Einmal haben sie zum Beispiel behauptet, ich hätte mich gegen die Polizeikontrolle gewehrt. Auch wenn ich weiß, dass das nicht der Wahrheit entspricht: Mich zu wehren ist keine Option. In Mexiko ist auch die Polizei gewalttätig. Mich haben sie schon mehrfach geschlagen. Nur wenn du zahlst, lassen sie dich gehen. Wenn du nett bist und kooperierst, kommst du mit etwas Glück für umgerechnet 10 Euro davon. Stellst du dich quer, kann dich das Ganze auch 100 Euro kosten.

Deshalb werde ich am Sonntag Andrés Manuel López Obrador wählen. Wir nennen ihn Amlo – nach seinen Initialen. Er will die Gehälter ranghoher Politiker kürzen, allen voran sein eigenes. Und er schlägt eine Amnestie für Drogenbosse und Kartelle vor. Natürlich bin ich eigentlich auch der Meinung, dass man diese Verbrecher einsperren sollte. Doch das Problem ist: Entweder werden sie freigekauft – oder ein Stellvertreter übernimmt den Job des Drogenbarons. Amlos Vorschlag erscheint mir deshalb momentan als einzige Hoffnung.