Miriam L. Morales, 24 Jahre alt, wohnt in Guadalajara

Amlo verspricht das Blaue vom Himmel, lässt aber offen, wie er seine Reformen in der Praxis erfüllen will. Ich habe Angst, dass er gewinnt und das Land noch weiter ins Chaos abrutscht. Amlo hat ähnliche Ideologien wie der venezolanische Staatschef Nicolás Maduro: Er will eine zweite mexikanische Revolution und fordert ein Ende der neoliberalen Politik. Und auch mit Trump teilt er Charakterzüge: Beide konzentrieren ihre Politik sehr auf die eigene Person. Amlo denkt, er sei der Robin Hood Mexikos. Aber eine Person alleine kann nichts verändern, schon gar nicht in diesem Land.

Ob die Situation unter ihm tatsächlich so eskalieren könnte wie in Venezuela, weiß ich nicht. Aber schon jetzt bin ich beunruhigt: Im Wahlkampf hat die Gewalt noch einmal zugenommen.

Und dabei denke ich schon lange: Schlimmer kann es nicht werden. Vor kurzem wurde mein Vater entführt und mehrere Stunden festgehalten. Sie haben ihn geschlagen und mit einer Pistole bedroht. Und das alles nur, weil die Entführer sein Auto haben wollten. Bei meiner Schwester zu Hause wurde bereits drei Mal eingebrochen. Die haben alles mitgenommen: Den Fernseher, ein Fahrrad, Bargeld, Parfümflaschen und sogar Kuscheltiere, so absurd das klingt.

Amlos Versprechen sind absurd
Miriam L. Morales

In Guadalajara, wo ich wohne, wurden im April wieder drei Filmstudenten vom Drogenkartell Jalisco Nueva Generación entführt, gefoltert und ermordet. Sie wollten einen Film über die Drogenkartelle drehen. Der Staat behauptet, ihre Leichen wurden in Säure aufgelöst, deshalb gäbe es keine sterblichen Überreste. Allerdings wurden in der Säure keine DNA-Spuren gefunden. Ich vermute, der Staat will einfach weiteren Ermittlungen aus dem Weg gehen. Es gab einen großen Aufschrei und viele Proteste. Wir haben die Angst und die Gewalt so satt.

Trotz allem werde ich wählen gehen, denn nicht zu wählen bedeutet, die Situation zu akzeptieren, wie sie ist. Der beste Kandidat ist für mich immer noch Ricardo Anaya. Er ist Kandidat der Koalition Por México al Frente, ein Zusammenschluss verschiedener rechter und linker Parteien. Momentan ist er der einzige, der Amlo gefährlich werden könnte. Im Gegensatz zu Amlo macht Anaya konkrete Vorschläge, deren Umsetzung mir realistisch erscheint. Zum Beispiel möchte er Bargeld bei behördlichen Transaktionen verbieten – um Korruption zu verhindern. Er möchte eine Art bedingungsloses Grundeinkommen einführen und er will sich gegenüber der USA für die Rechte mexikanischer Migranten einsetzen.

Amlos Versprechen hingegen sind absurd. Den Drogenkrieg will er in nur drei Jahren beenden. Mit solchen populistischen Vorschlägen versucht er, Wähler zu gewinnen. Anaya ist wenigstens ehrlich und sagt: Der Wandel ist möglich, aber wir müssen klein anfangen und es wird Jahre dauern.