Recep Tayyip Erdoğan will eine fromme Generation als Fundament seiner neuen Türkei. Die Istanbuler Soziologin Demet Lüküslü erklärt, warum das vergeblich ist.

Am 24. Juni könnten die Stimmen der jungen Türkinnen und Türken entscheiden, ob Recep Tayyip Erdoğan ein weiteres Mal eine Wahl gewinnen und dank des neuen Präsidialsystems mit mehr Macht als je zuvor herrschen kann. Denn von knapp 81 Millionen Türken sind fast 13 Millionen zwischen 15 und 24 Jahre alt. Die Türkei ist ein junges Land. Zum Vergleich: Deutschland hat bei etwa gleicher Einwohnerzahl nur gut 8 Millionen Junge.

Erdoğan beherrscht die Türkei seit 2003 – viele junge Menschen kennen deshalb keinen anderen Herrscher als ihn. Wie sieht diese Generation ihn – und was erwartet Erdoğan von ihnen? Das haben wir die Istanbuler Soziologin Demet Lüküslü gefragt, die zu jungen Türken forscht.

ZEIT Campus ONLINE: Frau Lüküslü, viele junge Menschen in der Türkei kennen keinen anderen Herrscher als Erdoğan. Welches Bild haben sie von ihm?

Demet Lüküslü: Viele junge Menschen sehen Erdoğan als autoritäre Figur. Mit der Zeit hat er so etwas wie eine Vaterrolle eingenommen – jemand, der versucht, ihnen Grenzen aufzuzwingen und zu sagen: Du darfst dieses nicht, du darfst jenes nicht. Erdoğan hat das politische System in eine Ein-Mann-Herrschaft umgewandelt. Das heißt, dass er die Schuld für alles bekommt, was schiefläuft, aber gleichzeitig gelobt wird für alles, was funktioniert. Daher gibt es natürlich auch junge Menschen, die ihn unterstützen und als Vorbild sehen, als einen idealen Herrscher.

ZEIT Campus ONLINE: Welche politischen Themen sind jungen Türkinnen und Türken am wichtigsten?

Lüküslü: Ich glaube, das Thema der Freiheit ist wichtig. Junge Menschen haben viele Ängste, Furcht vor der Zukunft, davor, keinen Job zu finden. Doch das meiner Ansicht nach Bedeutendste ist, dass sie sich in der Gesellschaft unfrei fühlen. Etwas in den sozialen Medien zu teilen, ist gefährlich. In der Türkei hat eine ganze Generation keinen Zugang zu Wikipedia, weil es gesperrt ist. Diese Dinge mögen wie sehr kleine Beispiele klingen, aber sie spielen eine wesentliche Rolle im Alltag von jungen Menschen.

ZEIT Campus ONLINE: Wie beeinflusst dieses Gefühl der Unfreiheit ihre politischen Einstellungen?

Lüküslü: Während der Recherche für meinen PhD stellte ich eine Kritik an der vorherrschenden politischen Kultur in Türkei fest. Junge Menschen kritisieren sie, verspotten sie und entscheiden sich, ihr fernzubleiben. Trotzdem verfolgen sie, was in der Politik passiert. Ich argumentierte, dass dies eine bewusste Taktik ist. Junge Menschen sagen: Dies ist ein korruptes, klientelistisches System, das mir Handlungsfähigkeit verweigert und mich als einen jungen Kämpfer einer bestimmten Ideologie behandelt, und ich verweigere absichtlich, daran teilzunehmen. Heutzutage ist das politische System natürlich noch viel polarisierter als damals in den 2000ern, als ich die Interviews für den PhD führte.

ZEIT Campus ONLINE: Was veranlasste junge Menschen dazu, so pessimistisch zu sein und anzunehmen, dass sie nichts verändern können?

Lüküslü: In diesem Jahr ist das 50. Jubiläum der 68er-Bewegung, einer Generation, die daran glaubte, dass sie die Gesellschaft verändern konnte. Die heutige Generation fühlt, dass es nicht so einfach ist. Durch die Diversifizierung von Bildung und der neoliberalen Wende haben junge Menschen in der Gesellschaft keine privilegierte Position mehr. Selbst wenn man das Glück hat, Student an einer Universität zu sein, ist einem kein guter Job oder eine gute Zukunft garantiert.

ZEIT Campus ONLINE: Diese Kritik am Neoliberalismus gibt es überall in Europa. Was ist spezifisch an der türkischen Situation?

Lüküslü: In der Türkei ist der Anteil der jungen Menschen, die nicht zur Schule gehen und arbeitslos sind, besonders hoch im Vergleich zu anderen OECD-Staaten. Wenn Sie sich anschauen, wer betroffen ist, sehen Sie, dass es zum größten Teil junge Frauen sind.

ZEIT Campus ONLINE: Warum sind junge Frauen so disproportional häufig arbeitslos? Warum bekommen sie nicht die Bildung, die sie brauchen?

Lüküslü: Es gibt zugegebenermaßen nur wenig Studien über diese jungen Frauen, die man in der Türkei als "Hausmädchen" bezeichnet. Mit meiner Kollegin Kezban Çelik führte ich Forschungsinterviews durch. Wir fanden einerseits heraus, dass es in der Türkei immer noch ein Geschlechterregime gibt, das Männer über Frauen stellt. Nehmen Sie zum Beispiel traditionelle Familien. Wenn diese sich entscheiden müssen, ob sie ihre Tochter oder ihren Sohn auf eine gute Schule schicken, entscheiden sie sich für ihren Sohn. Andererseits gibt es Probleme im Bildungssektor. Viele junge Frauen sagten uns, dass sie ihre Ausbildung abgebrochen hätten, weil ihre Schule in einer vernachlässigten Nachbarschaft lag und sie in der Schule Gewalt erfahren hätten, oder glaubten, mit einem Abschluss ihrer Schule auf keine Universität gehen zu können. Andere Frauen sind arbeitslos, weil sie heiraten und Kinder kriegen wollen und das Gefühl haben, dass sie eine Existenz in der kompetitiven Arbeitswelt und die Kindeserziehung nicht vereinbaren können. Dann gab es auch Frauen, die sagten, dass es grundsätzlich nur wenige Jobangebote für Frauen gebe.