In Ägypten verschwinden Menschen, die sich gegen das Regime wenden, werden eingesperrt und kommen als Leichen wieder heraus. Eine junge Aktivistin berichtet aus dem Exil.

Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sissi versucht seine Kritikerinnen zu lähmen, indem er Schrecken verbreitet und Tausende inhaftiert. Eine ägyptische Studentin und Aktivistin, die seit zwei Jahren in Berlin lebt, berichtet, wie sie und ihre Angehörigen zum Schweigen gebracht werden sollen. Um sich, ihre Familie und Freunde zu schützen, bleibt sie anonym.

Als ich vor wenigen Monaten meiner Mutter vor meiner Abreise in Ägypten Tschüss sagte, machte ich mir große Vorwürfe. Ich mache mir hier in Deutschland andauernd Vorwürfe. Ich fühle mich schuldig, dass ich nicht im Gefängnis sitze. Mein Kumpel Wael Abbas ist in Haft. Sie zerrten ihn vor wenigen Wochen nachts aus dem Bett. Männer in Uniform, einige in Anzügen mit verspiegelten Sonnenbrillen, traten die Haustür ein. Sie sagten kein Wort und nahmen ihn einfach mit. Die Gewalt, die Ungewissheit, die fehlenden Antworten zermürbten die Familie. Dann, drei Tage nach seiner Entführung, tauchte er in der Zentrale der ägyptischen Staatssicherheit auf. Seither sitzt er ohne Anklage in Haft.

Wael habe ich noch vor der Revolution von 2011 kennengelernt, schon damals war er rebellisch drauf, prangerte als überzeugter Linker die Symbiose von Polizeistaat, Militarisierung und Kapitalismus an. Ich hatte immer ein wenig Angst vor den Diskussionen mit ihm, denn ich bin – anders als er – Pragmatikerin. Ich setze nicht auf Utopien, sondern auf Reformen. Auf dem Tahrir-Platz einigten wir uns dann aber schnell. Wir wollten beide Brot für alle, Freiheit, soziale Gerechtigkeit. 

Mehr als 60.000 politische Gefangene sitzen in ägyptischen Gefängnissen.
Mehr als 7.500 Zivilisten standen vor speziellen Militärgerichten
Genau 2332 Menschen wurden zwischen den Jahren 2014 und 2017 zum Tode verurteilt
Platz 161 von 180 belegt Ägypten auf der Rangliste der Pressefreiheit

Waels Anwalt darf nur sporadisch mit ihm reden, ein Richter verlängert die Untersuchungshaft alle 15 Tage um weitere 15 Tage. Ich sitze derweil im friedlichen Deutschland und blicke minütlich auf mein Handydisplay, um herauszufinden, wer noch alles in den Gefängnissen von Präsident Abdel Fattah al-Sissi gelandet ist. Ich zähle, wie viele Freunde und Bekannte es aktuell sind: Shady und Amal und der andere Shady und Haitam – ich kenne zehn der Zehntausenden eingesperrten Oppositionellen, Journalisten, Anwältinnen, Studierenden, Aktivistinnen und Aktivisten in Ägypten.