Seit mehr als sechs Monaten trinke ich keinen Alkohol mehr. Ich habe nicht nur mein nüchternes Ich kennengelernt. Sondern auch gelernt, mich zu streiten.

Ich war noch betrunken, als ich am Familientisch verkündete: "Ich werde nie wieder trinken." Am ersten Januar war ich mit einem üblen Kater aufgewacht. Wieder einmal erinnerte ich mich nicht mehr an das, was ich am Vorabend getan hatte. Wieder einmal nahm ich mir vor, meine Freunde anzurufen, um mich für die persönlichen Beleidigungen, die ich im betrunkenen Zustand von mir gegeben hatte, zu entschuldigen. Langsam krochen die unangenehmen Erinnerungen an diese Eskapaden in mir hoch. So konnte ich nicht weitermachen. Seit mehr als sechs Monaten lebe ich nun alkoholabstinent.

Ich habe mich verändert. Zwischen meinen betrunkenen Freunden habe ich begonnen, an unserer Freundschaft zu zweifeln. Besonders in den Momenten, in denen sie mir zum achten Mal erzählten, dass ihre Mitbewohnerin oder ihr Mitbewohner NIE DEN GELBEN SACK RUNTERBRINGEN, oder mir beim Lallen die Zunge in die Ohrmuschel steckten. Das war sicher nicht bei allen so, immer gab es auch positive Ausnahmen. Aber tiefgehende Gespräche fanden wenig Platz in unser aller Alltag. Mit unseren Sorgen und Ängsten begegneten wir uns oft nur an der Theke. Wir umarmten uns im Rausch und gleichzeitig entfernten wir uns voneinander.

Nicht, dass ich jemals eine Alkoholikerin gewesen wäre. Aber in Gesellschaft trank ich fast immer. Auch drei Mal die Woche feiern war keine Seltenheit. Oft wachte ich an mir fremden Orten auf, die Erinnerungslücken beschäftigten mich die darauffolgende Arbeitswoche: Ich fragte mich, ob ich meinen besten Freund verloren hatte, weil ich ihm sagte, dass ich seine Freundin scheiße fand, und mich nicht daran erinnern konnte. Ich schämte mich dafür, dass ich auf dem Schoß eines älteren Mannes gesessen hatte, den ich nüchtern betrachtet als äußerst unangenehm empfand, und nicht mehr wusste, wie der Abend mit ihm ausgegangen war. In mir wurde der Gedanke lauter, dass etwas mit mir nicht stimmt. Warum hatte ich das Bedürfnis, mich so wegzuschießen, dass ich selber nichts mehr mitbekam? 

Kompromisslos, erwachsen. Ganz ohne Promille.

So entschied ich mich dafür, ins alkoholische Zölibat zu gehen. Ich wollte Gefühle wie Ungewissheit, Hass und Traurigkeit nicht mehr wegsaufen. Vor einem Jahr ging meine langjährige Beziehung zu Ende. Aber erst jetzt wurde ich wirklich traurig. Und ich überdachte die schwierige Freundschaft zu einer langjährigen Gefährtin, indem ich nüchtern die Wut durchlebte, ohne dass der Rausch mir – wie die Monate zuvor – erlösend die Birne vernebelte. Das war verdammt schwer. Ich stellte mich meiner Angst wie bei einer Konfrontationstherapie. Kompromisslos, erwachsen. Ganz ohne Promille.

Mir fiel es immer schwer, Nein zu sagen. Ich schwieg, war frustriert und machte betrunken passiv-aggressive Bemerkungen. Doch dann sagte ich es nüchtern zu einer alten Bekannten, die ich gar nicht so gerne mochte. Vielleicht sagte ich es zum ersten Mal ganz klar, wach und wahrhaftig: Nein. Ich will das nicht. Ich will dir nicht mehr zuhören, dir bei deinen Problemen helfen.