Unis verschicken nun Zusagen für das Wintersemester – und fordern Gebühren, bei denen Bafög nicht hilft. Die Gründerin von Arbeiterkind.de über eine Lücke im System.

Am 15. Juli endete die Bewerbungsfrist für Studienplätze zum kommenden Wintersemester. Inzwischen versenden die Unis erste Zusagen und fordern Gebühren für die Immatrikulation. Doch nicht alle können sich den Studienstart leisten. Katja Urbatsch, Geschäftsführerin der Initiative Arbeiterkind.de, sieht hier ein großes Problem.

ZEIT Campus ONLINE: Auf Twitter schreiben Sie, dass es junge Erwachsene gibt, die ihren Studienplatz nicht annehmen können, weil ihnen 400 Euro fehlen. Was steckt dahinter?

Katja Urbatsch: Ich bezog mich auf den Fall einer jungen Frau. Sie soll bis zum 3. August den Semesterbeitrag von 400 Euro zahlen, um immatrikuliert zu werden. Obwohl sie vorher eine Ausbildung gemacht hat und arbeitet, um ihre Lebenskosten zu bestreiten, kann sie das Geld nicht bezahlen. Auch ihre Eltern können ihr nicht helfen.

Katja Urbatsch, 39, ist Gründerin und Geschäftsführerin von Arbeiterkind.de. Die ehrenamtliche Initiative unterstützt Jugendliche auf ihrem Weg ins Studium. © Arbeiterkind.de/Carolin Mieckley

ZEIT Campus ONLINE: Ist das ein Einzelfall?

Urbatsch: Nein, überhaupt nicht. Diese Art von Anfragen häuft sich bei uns. Allein gestern Vormittag haben sich bei unserer Mitarbeiterin in Niedersachen vier Personen in einer ähnlichen Situation gemeldet. Aus meiner Sicht handelt es sich hierbei um einen Systemfehler, den niemand im Blick hat. Wir reden immer über Bafög-Erhöhung, aber wir reden nicht darüber, dass es für unsere Zielgruppe eines der größten Probleme ist, vor dem Studium in Vorleistung zu gehen. Die Semestergebühren sind nur der Anfang: Als Nächstes kommen Fahrtkosten, Umzugskosten, Kosten für Lebensmittel, die Kaution für das WG-Zimmer, die erste Miete.  

ZEIT Campus ONLINE: Aber genau für diese bedürftige Gruppe gibt es doch Bafög, Stipendien und Kredite?

Urbatsch: Ja, aber in der speziellen Situation des Studienbeginns hilft das nicht. Bei Krediten braucht man eine Bürgschaft, aber wenn man eine Bürgschaft hätte, braucht man keinen Kredit. Die Stipendien kommen alle viel später und werden nur an einen kleinen Teil der Studierenden vergeben. Das Bafög kommt erst, wenn man immatrikuliert ist, und dann auch noch sehr spät. 

ZEIT Campus ONLINE: Wie kommt es zu dem Betrag von 400 Euro?

Urbatsch: Die 400 Euro setzen sich aus dem Studentenschaftsbeitrag, dem Semesterticket und den Verwaltungskosten zusammen. Der Betrag unterscheidet sich aber zwischen den einzelnen Universitäten und Fachhochschulen sehr voneinander. Ich war auch ziemlich geschockt über die 400 Euro. Da ich selbst Promotionsstudentin bin, zahle ich semesterweise noch 300 Euro Rückmeldegebühren an meine Universität und habe festgestellt, dass das in den letzten Jahren enorm angestiegen ist. Das waren früher mal 75 Euro. In manchen Regionen ist es sehr teuer geworden.

ZEIT Campus ONLINE: Was ist aus Ihrer Sicht falschgelaufen, dass angehende Studierende nun in dieser Situation stecken?

Urbatsch: Der Fokus bei der Studienfinanzierung liegt immer auf der Bafög-Erhöhung. Aber die Grundproblematik der Vorausleistung für Menschen aus finanzschwachen Familien wird nicht bedacht. Das macht mich wütend. Es wird nicht gesehen, dass wir dadurch unsere Studienfinanzierung immer nur auf eine Mittelschicht ausrichten, die noch irgendwo Geld hat. Mir ist es wichtig, dass jeder in Deutschland die Chance hat, zu studieren – gerade diejenigen, die aus finanzschwachen Familien kommen. Ein Problem ist auch, dass viele Politiker Akademiker sind und keinen Kontakt zu Menschen haben, für die das ein Problem ist. Auf Facebook hatte ein Nutzer unter meinem Post geschrieben, dass das Problem schon vor 20 Jahren bestand und er erstaunt darüber sei, dass sich nichts getan habe. Es hat einfach niemand darauf aufmerksam gemacht. Es gibt an einigen Universitäten und Studierendenwerken schon erste Ansätze, zum Beispiel eigene Darlehen. Aber das ist noch keine Gesamtlösung.