Zu dumm, um ein Kondom zu verwenden – das hören Großfamilien in Deutschland ständig. Ich habe vier Geschwister – und erlebt, was diese Vorurteile mit Familien machen.

Ich muss fünf oder sechs gewesen sein, unterwegs mit meiner Familie: Vater, Mutter, Kind, Kind, Kind, Kind. In der Stadt, um ein Eis kaufen zu gehen. Keine Selbstverständlichkeit, denn Eiskugeln waren für uns teuer. Wir gingen über den Eisernen Steg, und ein Bettler sah zu meinen Eltern und ihren vier Kindern hoch und grummelte: "Wie die Karnickel." Was antwortest du einem Bettler, der dich für asozial hält?

Inzwischen bin ich 24, habe noch einen Bruder zu meinen drei Schwestern dazubekommen, und hatte ordentlich Zeit, mir eine Antwort zu überlegen. Schließlich bekomme ich solche Kommentare oft zu hören. Die netteren kamen von Lehrern, die mich trotzdem vor Scham im Stuhl versinken ließen: "Fünf Kinder? Da waren deine Eltern aber ganz schön fleißig." Ich kenne keine andere Situation, in der es akzeptiert ist, mit Kindern über das Sexleben ihrer Eltern zu spekulieren. Die weniger netten Urteile lauten: "asozial", "unverantwortlich" und "zu dumm, ein Kondom zu benutzen".

Oder wie der Satz von Philosoph Richard David Precht, den er kürzlich sagte und der im aktuellen Philosophie Magazin abgedruckt ist. Er diskutierte mit dem Armutsforscher Christoph Butterwegge über das bedingungslose Grundeinkommen. Precht ist dafür: Alle über 21-Jährigen sollen im Monat 1.500 Euro bekommen. Zwischen den Aristoteles-Zitaten und Beispielrechnungen, die sich die beiden um die Ohren knallten, erklärte Precht beiläufig, warum das Kindergeld wegfallen könnte: "Ich möchte nicht, dass jemand, der 1.500 Euro Grundeinkommen hat und keine Perspektive auf einen Beruf, auf die Idee kommt, fünf Kinder zu kriegen."

Sollte es solche Eltern geben, können die offensichtlich nicht rechnen: 194 Euro Kindergeld gibt es monatlich für das erste und zweite Kind, ab dem vierten sind es 225 Euro. Das ist schnell aufgebraucht: Kinder brauchen Schlafzimmer, Bildung, Essen, Kleidung, Spielzeug. Übrig bleibt: nichts.

Aber Precht ist nur der Letzte unter vielen, die Kinder für ein Hobby halten, das man sich leisten können muss. Großfamilien haben keinen guten Ruf im 1,59-Kinder-pro-Frau-Deutschland. Vor allem dann nicht, wenn es auf ihren Konten aussieht wie auf dem meiner Familie.

In den Heimatdörfern meiner Eltern gibt es ein Motto: "Für jedes Kind kannst du dir ein Haus bauen." Also bauen die Leute Häuser und bekommen keine Kinder. So kann jeder auf der Straße sehen, was man alles geleistet hat. Leistung wird in Geld gemessen, nicht in gewickelten Windeln, aufgeklebten Dino-Pflastern und abgefragten Französischvokabeln. Die vielen Stunden, die meine Eltern sich um uns gekümmert haben, bleiben unbezahlt und unbeachtet.

Fünf Kinder, das gilt nicht nur dort als asozial, oder zumindest als dumm. Meinen Eltern war immer wichtig, das Gegenteil zu betonen. Sie haben Wert darauf gelegt, dass wir fleißig in der Schule sind und sauber angezogen. Mein kleiner Bruder ist in der fünften Klasse, wir Mädchen haben alle das Abitur geschafft, mit Abschlussnoten von 1,0 bis 2,0. Unsere Studienfächer: Medizin, Politik, Jura. Wir fünf werden Herrn Precht übrigens später mal die Rente finanzieren.