Die Uni Göttingen wird kein Geld mehr in Kohle, Öl oder Gas anlegen. Erkämpft haben das Studenten. Eine von ihnen erklärt, wie man mit Klimaschutz selbst BWLer erreicht.

Divest! Zieht euer Geld ab! Mit dieser Forderung hat eine Gruppe von Studenten in Göttingen es geschafft, dass ihre Universität künftig nicht mehr in Industrien investiert, die mit Kohle, Öl oder Gas Geld verdienen. Die Uni Göttingen ist nach Münster die zweite Universität in Deutschland, die sich dem Divestment verpflichtet. Deutsche Unis verfügen zwar lange nicht über so viel Kapital wie Unis in den USA, trotzdem investieren sie in Wertanlagen, um mit dem vorhandenen Geld die Forschung und Lehre von möglichst vielen Studenten sichern zu können.

Weltweit gibt es bislang knapp 900 Institutionen, die nicht mehr in Unternehmen investieren, die Geschäfte mit fossilen Energien machen. In Cambridge sind drei Bachelorstudenten im Mai in den Hungerstreik getreten, um die Unileitung vom Divestment zu überzeugen.

ZEIT Campus ONLINE: Die Uni Göttingen wird künftig kein Geld mehr in Kohle, Öl oder Gas investieren. In Cambridge sind Studenten dafür sogar in den Hungerstreik getreten. Wart ihr ähnlich radikal?

Luisa Neubauer: Nein, wir sind eher strategisch vorgegangen, wie Ermittler in einem Krimi. Statt nach dem Mörder haben wir nach Verbündeten gesucht. Damit die Uni ihr Geld nicht mehr in Unternehmen investiert, die mit fossilen Energien Geld machen, braucht man die Zustimmung des Senats und des Stiftungsrats. Deshalb haben wir auf einem Flipchart Personen gesammelt, die wir am einfachsten erreichen können. Im Senat gibt es zum Beispiel eine Vertretung aus der Studierendenschaft und ein anderes Senatsmitglied kannte jemand von uns über ein paar Ecken. Dann gibt es noch einen Nachhaltigkeitskoordinator der Uni. Das waren sozusagen unsere Verdächtigen.

ZEIT Campus ONLINE: Und wie habt ihr die dann überzeugt?

Luisa: Nachdem wir die richtigen Leute identifiziert haben, haben wir uns mit ihnen auf einen Kaffee getroffen und ihnen erklärt, was Divestment ist und warum es wichtig ist. Die Leute, die wir ausgewählt haben, waren für die Idee des Divestments sehr offen und haben es dann auf die Tagesordnung im Senat gesetzt.

"Da trafen zwei Welten aufeinander: wir paar studentische Ökos und die Präsidentin und ihr Finanzberater in einem Raum."
Luisa Neubauer

ZEIT Campus ONLINE: Woher kommt die Idee des Divestments?

Luisa: Die Bewegung hat schon etwa 2009 auf einem amerikanischen Campus angefangen. In Harvard haben Studenten ihre Uni sogar verklagt, weil sie nicht desinvestieren wollte. Ich persönlich habe während eines Praktikums den Umweltaktivisten Bill McKibben kennengelernt, dem damals der Alternative Nobelpreis verliehen wurde. Er hat 2012 einen Artikel über Divestment im geschrieben. Darin erklärte er, warum es, um den Klimawandel aufzuhalten, so wirkungsvoll ist, der Kohle, Gas- und Ölindustrie unser Geld zu entziehen. Mich hat er schwer beeindruckt.

ZEIT Campus ONLINE: Warum richtet ihr euch an die Uni, haben die überhaupt Geld?

Luisa: Die Uni ist eine Institution, die auch Verantwortung für die Gesellschaft trägt. Es ist sehr schizophren, wenn Unis als Forschungsinstitutionen über den Klimawandel aufklären, aber dann in Unternehmen investieren, die Geschäfte mit fossilen Energien machen. Außerdem ist Göttingen eine Stiftungsuni, was auch heißt, dass es mehr Geld zu verwalten gibt. 191 Millionen Euro sind das in Göttingen zurzeit.

ZEIT Campus ONLINE: Und was habt ihr nun genau erreicht?

Luisa: Ab sofort verpflichtet sich die Universität dazu, nicht mehr in Unternehmen zu investieren, die mit fossilen Energien Geschäfte machen. Gleichzeitig müssen alle Anlagen, die zurzeit bestehen, innerhalb der nächsten fünf Jahre abgezogen werden.

ZEIT Campus ONLINE: Und Widerstand gab es gar nicht?

Luisa: Erstaunlich wenig. Auch deshalb mussten wir nicht in den Hungerstreik treten. Wir hatten extrem Glück, dass wir die Präsidentin der Uni auf unserer Seite hatten. Die haben wir vor der Abstimmung getroffen und ihr unsere Kriterien für Anlagen vorgestellt. Da trafen zwei Welten aufeinander: wir studentische Ökos und die Präsidentin und ihr Finanzberater in einem Raum. Am Ende wurden sogar Kriterien aufgenommen, die noch viel weiter gehen als reines Divestment.

ZEIT Campus ONLINE: Und zwar?

Luisa: Zum Beispiel werden jetzt auch Industrien ausgeschlossen, in denen Kinderarbeit, Korruption oder Atomenergie eine Rolle spielen. Nur Unternehmen, die Waffen produzieren, wollte der Rat letztlich nicht ausschließen. In Niedersachsen sitzen viele Konzerne, die Waffen produzieren. Aber alle Firmen, die mit Öl, Kohle oder Gas Geld verdienen, stehen auf der Liste. Auch solche, die nur die Schienen bauen, damit die Kohlewagen in die Grube rein können. Oder Versicherer von Kohleunternehmen.