Der Numerus clausus für Medizin muss reformiert werden. Aber was macht einen guten Medizinstudenten aus – und was eine gute Ärztin? Die Uni Münster hat eine Antwort.

Eigentlich wollte Jürgen Delius Fußball-WM gucken. Nicht alleine auf der Couch natürlich, sondern mit seinen Freunden beim Public Viewing. Doch dann begann es in seiner Brust zu drücken, es wurde ihm eng ums Herz. Delius ging ins Krankenhaus. Nur um das schnell abzuklären. Jetzt liegt der Mitte-50-Jährige in einem karg eingerichteten Krankenzimmer mit einem Infusionsschlauch am Arm.

Eine junge Frau in weißem Kittel betritt Delius' Zimmer mit einem freundlichen "Wie geht es Ihnen?". "Viel besser, kann ich gehen?", kommt die Antwort. Christina, kurze blonde Haare, Brille, nimmt das Klemmbrett und studiert die Diagnose ihres Nachtkollegen. Sie erklärt die Symptome. Schmerzen in Bauch und Brust, Engegefühl, Brennen. "Das deutet auf einen Herzinfarkt hin."

"Jetzt nicht aufs Papier gucken, sondern dem Patienten zuwenden", murmelt draußen Bernhard Marschall. Der Studiendekan der Medizinischen Fakultät der Universität Münster steht in Kurzarmhemd und Turnschuhen in einem abgedunkelten Raum. Er beobachtet Christina und ihren Patienten durch eine verspiegelte Scheibe. Marschall steht in einem kreisrunden, dunklen Raum. Der Teppichboden ist grau, die Vorhänge sind schwarz. Zwölf Spiegelfenster reihen sich nebeneinander.

Als hätte Christina die Kritik gehört, wendet sie sich direkt an Herrn Delius und erklärt ihm, dass eine EKG-Überwachung zur weiteren Abklärung nötig sei. "Kann ich dann morgen aber gehen?" Christina beruhigt den Mann: "Es ist das Wichtigste, dass wir das alles abklären. Sonst kann das böse enden, wenn sie sich bei der nächsten Schwalbe aufregen." Sie spricht ruhig und bestimmt mit Herrn Delius. Wie eine richtige Ärztin.

Hinter der Scheibe wirkt Marschall zufrieden. Sein Blick wandert nach links, wo in einem identisch aussehenden Arztzimmer ein anderer junger Mann in weißem Kittel mit einer Patientin spricht. Die Behandlungszimmer sind mit Kameras und Mikros ausgestattet. Sie stehen im Herzen des Lernzentrums für ein individualisiertes medizinisches Tätigkeitstraining und Entwicklung, abgekürzt: Limette. 13 Medizinstudierende im sechsten Semester durchlaufen den Kardiologie-Parcours.

Für Marschall ist das, was sich hinter und vor den verspiegelten Scheiben abspielt, die Antwort auf zwei besondere Fragen: Was ist ein guter Arzt? Und – für ihn als Studiendekan noch wichtiger – wie erkennt man dieses Potenzial in einer Studienanwärterin und bringt es im Laufe des Studiums hervor?

Die Frage nach dem guten Medizinstudenten stellt sich besonders drängend, seit das Bundesverfassungsgericht im Dezember 2017 zahlreiche Änderungen des Zulassungsverfahrens für das Fach Medizin gefordert hat. Bisher werden von der Stiftung für Hochschulzulassung 20 Prozent der Plätze an die besten Abiturientinnen und Abiturienten vergeben, weitere 20 Prozent über Wartesemester. Den Rest der Plätze vergeben die Hochschulen selbst. Die Abiturnote spielt jedoch auch hier oft die wichtigste Rolle. Die Richter in Karlsruhe kritisierten genau diesen Punkt. Unter anderem soll die Berufserfahrung künftig eine größere Rolle spielen.