Wer in Schleswig-Holstein durch das zweite Staatsexamen fällt, muss ins Bootcamp: vier Monate im Nirgendwo ohne Urlaub. Hier ist Jura kein Fach mehr, sondern ein Zustand.

"Hier werden morgens manchmal die Toten angeliefert", sagt Johan. Es ist 7 Uhr morgens, Johan, Dreitagebart und wilde braune Locken, sitzt am Küchentisch, in der Ecke steht ein Club-Mate-Kasten, ein halbvoller Müllsack vor dem Kühlschrank, dreckiges Geschirr vom Vortag sammelt sich in der Spüle. Er blickt aus dem Küchenfenster und deutet zum Innenhof, der den Blick auf eine Leichenhalle freigibt. "Dafür war die Wohnung aber auch ganz günstig."

Im Hintergrund rufen Survivor: "It's the eye of the tiger, it's the thrill of the fight", aus dem Soundtrack von Rocky. Das hören sie hier jeden Morgen in der Bootcamp-WG, sagt Johan, "zum Pushen". Entweder den Rocky-Soundtrack oder den Rapper Kontra K. "Irgendwas, das ballert", sagt er, nippt an seiner Kaffeetasse und summt im Takt mit.

Johan ist 27, er wohnt eigentlich in Lübeck, aber seit zwei Monaten lebt er jetzt in Schleswig neben einer Leichenhalle. Er hat Jura studiert, schrieb sein erstes Staatsexamen. Dann zwei Jahre Referendariat, währenddessen vorbereiten auf das zweite Staatsexamen, Schreibtermin 1.12.2017. Das Examen war schwer, aber in Ordnung. Johan hatte vor dem Examen bei einem Anwalt in Hamburg sein Referendariat abgeleistet und wollte nach dem zweiten Examen erst mal nach Südfrankreich abhauen, konkrete Berufsziele hatte er noch nicht.

Dann kam die Note online. 

"Das ist natürlich schon ein Riesenschock. Du schaust auf den Bildschirm, siehst, dass du durchgefallen bist, und verstehst die Welt nicht mehr. Du denkst halt auch direkt: Okay, jetzt hab ich's verkackt, aber was ist, wenn es beim zweiten Mal wieder nicht passt?"

Die Teilnahme: verpflichtend

Wenn es beim zweiten Mal wieder nicht passt, kann Johan kein Volljurist werden. Das heißt, er könnte kein Staatsanwalt oder Richter werden. Johan weiß noch gar nicht, ob er das überhaupt müsste, aber das zweite Staatsexamen ist eine Frage des Ansehens. Der Aufenthalt im Bootcamp ist Johan unangenehm, hier landen möchte niemand. Deshalb steht hier auch nicht sein richtiger Name.

Das Bootcamp heißt eigentlich Ergänzungsvorbereitungsdienst und existiert in Schleswig-Holstein seit 2004. Die Teilnahme: verpflichtend. Die Dauer: vier Monate. Der Stundenplan: fünf Tage die Woche, zweimal die Woche Klausur, Zivilrecht wöchentlich, öffentliches Recht im zweiwöchigen Wechsel. Dazwischen: Arbeitsgemeinschaften, Klausurbesprechungen. Außerdem wird geraten, sich noch einen eigenen individuellen Lernplan anzufertigen.

Der Song ist durchgelaufen. Johan trinkt seinen Kaffee aus, nimmt seine Tasche und verlässt gemeinsam mit seinem Mitbewohner die Wohnung. Wie fast jeden Tag wird er gleich eine fünfstündige Klausur schreiben. Heute ist Strafrecht dran.