#metoo, #metwo, #mequeer: Darunter berichten Tausende von alltäglichem Hass. Wer sagt, das seien nur Hashtags, unterschätzt die Macht der Vielstimmigkeit.

Ich war vielleicht elf oder zwölf Jahre alt und holte mit meiner Mutter meinen kleinen Bruder bei einem Kindergartengeburtstag ab. Die Mütter saßen noch eine Weile im Garten und unterhielten sich. Irgendwann sprachen sie davon, wie traurig es doch sei, wenn das eigene Kind schwul werden würde – "Also die Schwulen, die ich kenne, sind ja schon ganz nett, aber dass das eigene Kind so wird, wünscht man sich nicht."

Damals wusste ich nicht, dass, was sie sagten, auch mir galt. Ich hatte noch keine Sprache dafür. Nur eine Ahnung, dass etwas mit mir nicht stimmt. Dass mit mir aber alles richtig war und es die Mütter im Garten waren, mit denen etwas nicht stimmte, kann ich erst heute sagen. Und dass das, was mit den Müttern in unserem Dorf nicht stimmte, Homofeindlichkeit war. Dabei sprachen die Mütter im Dorf nicht mal von Lesben. Ich glaube, Lesben kamen in ihrer Welt gar nicht vor.

Die Sprache, die ich als Kind nicht hatte, habe ich erst Jahre später gefunden: in Serien wie Orange is the new black, in Buzzfeed-LGBT-Videos, auf Twitter, Instagram, in den Songs der schwedischen Popsängerin Beatrice Eli ("I've seen this girl on the TV/See this girl in the mall/I see pictures in my head/Of my head between their legs") und in dem Roman Giovanni's Room von James Baldwin ("Ich beschloss damals, dass im Weltall kein Platz sein dürfte, für das, was mich mit Scham und Furcht erfüllte").

Heute studiere ich Literarisches Schreiben in Leipzig. Ich schreibe Gedichte, Erzählungen und Essays. Viel über Pflanzen und auch über das Exil in meiner kurdisch-deutsch-jesidischen Familie. Meine Schreibarbeit ist immer auch eine Sprachsucharbeit. Und das Sprachefinden für mich, gerade auch als Angehörige mehrerer Minderheiten, notwendig. Deswegen kann ich auch nicht verstehen, wenn Leute sagen, dass sich Menschen, die unter #metoo, #metwo, #mequeer schreiben, in eine Opferrolle begeben. Im Gegenteil, Sprache zu finden, zu sprechen, ist eine aktive Sache, im Gegensatz zur Opferrolle, die ja eher passiv ist.

Anfang August, als ich eines Morgens, noch im Halbschlaf nach meinem Smartphone griff und die Twitter-App öffnete, sah ich, wie viele Menschen aussprachen, was wenn überhaupt nur weiße Menschen überraschte: dass es in Deutschland ein Rassismusproblem gibt. Sie twitterten unter dem Hashtag #metwo. Die einzelnen Stimmen schwollen an zu einem Chor. Und es ist nicht mehr zu leugnen: Es ist ein strukturelles Problem, was oft als individuelle Erfahrung abgetan wird. Das bedeutet, die Gewalt geht nicht nur unmittelbar von einer bestimmten Person aus, sondern ist in staatlichen und gesellschaftlichen Strukturen und somit auch im Denken der Menschen verankert.

Und dann fing auch ich an, unter #metwo zu schreiben. Ich schrieb "Wenn deine weiße Tante sich bei deiner Mutter beschwert, weil du und deine Geschwister kurdische Namen und nicht deutsche bekommen habt #metwo" und "Du hast den Literaturpreis nur bekommen wegen deinem Migrationshintergrund #metwo".

Und bekam Anfeindungen. "Geh zurück in dein Land, wenn es dir hier nicht passt." "Du bist rassistisch gegenüber Weißen." "Du kleine Heulsuse". Die ersten User löschten ihre #metwo-Tweets, weil ihnen der Hass im Netz zu viel wurde. Leute, die ich persönlich kannte, erkannten sich in meinen Tweets wieder. Und schon war der Ärger nicht mehr nur auf Twitter. Ich dachte, wenn ich jetzt aufhöre zu tweeten, haben die Hater ihr Ziel erreicht. Und dann kam #mequeer.