Sie rennen ins Fitnessstudio, zählen Kalorien, posieren auf Instagram: Viele junge Männer trainieren für einen muskulösen Körper. Woher kommt das neue Schönheitsideal?

Wenn Christoph Gehrke das Fitnessstudio betritt, beginnt für ihn die Arbeit. Es ist Dienstagabend, 18 Uhr, und der braun gebrannte Mann mit Dreitagebart und pastellgrünem Tanktop hievt sich an einer Metallstange in die Höhe. Seine Muskeln treten hervor, als würden sich kleine Luftballons unter seiner Haut aufblasen. Drei Männer an Nachbargeräten beobachten Chris aus den Augenwinkeln. Sein Freund Rafael umkreist ihn mit einer Kamera. Ab und zu ruft er ihm Anweisungen zu: "Mach noch mal, Chris, jetzt ist das Licht besser!"

Im Berliner Fitnessstudio John Reed im bürgerlichen Prenzlauer Berg ist um diese Uhrzeit Hochbetrieb. Auf den Laufbändern rennen Frauen in hautengen Leggings, im Untergeschoss schwitzen und stöhnen ein Dutzend junger Männer und über allem dröhnt laute Technomusik wie der Puls des Gebäudes. Auf der Website steht: "Bei uns ist Fitness nicht einfach nur pures Bodybuilding, sondern der Soundtrack einer neuen Bewegung. Anders anders erleben." Deshalb gibt es Regale voll mit Bücherattrappen und Buddha-Skulpturen. Zwei Männer auf der Ledercouch am Eingang diskutieren, ob in Tofu oder Hühnerbrust mehr Eiweiß enthalten ist. Ein anderer, der Reis aus einer blauen Tupperdose schaufelt, mischt sich ein: "Natürlich in Hühnchen!"

Nach der Schule oder dem Büro ins Gym, sechsmal die Woche, zwei Stunden am Tag – nach der Arbeit noch mal Arbeit am Körper. Seit den Achtzigerjahren gibt es den muskulösen Mann als Körperideal einer jungen Generation. Doch in den letzten Jahren verschreiben sich ihm immer mehr junge Männer. Es gibt unterschiedliche Theorien, warum gerade jetzt das Bild des muskulösen Mannes so populär ist. Manche Psychologinnen sehen im ständigen Wettbewerb einer neoliberalen Gesellschaft die Ursache, manche Soziologen in der Tatsache, dass sich die klassische Rolle des Mannes als Beschützer und Ernährer aufgelöst hat.

Bevor Chris das Gerät wechseln kann, kommt ein verschwitzter Junge auf ihn zu: "Ey, du bist doch Goeerki", murmelt er verlegen, "deine Videos sind echt cool!" Auf YouTube, Instagram und seiner eigenen Website spricht der 30-Jährige seit acht Jahren über Fitness und Ernährung. Als Goeerki ist er einer der erfolgreichsten Fitnessblogger Deutschlands. Zehntausende Menschen schauen ihm täglich dabei zu, wie er Gewichte hebt, sich vor dem Spiegel filmt und auf dem Laufband schwitzt.

Investition in die eigene Existenz

Sein selbst ernannter Auftrag lautet: anderen Männern erklären, wie sie effektiv trainieren und sich ernähren müssen, um, wie er sagt, "optisch perfekt zu sein". Chris sagt auch: "um kein Lauch zu sein". Die zwei Stunden Muskeltraining sind also auch eine Investition in seine eigene Existenz. Diverse Sportmarken und Ernährungshersteller sponsern Chris. Pumpen ist sein Hauptberuf. Für seine Kunden dreht er kurze Werbefilme aus Molkereien und wird nach Ibiza, Mallorca, Moskau geflogen. Eine Produktplatzierung in seinen Fitnessvideos bringt ihm einige Tausend Euro ein, außerdem verkauft er ein E-Book mit Trainings- und Ernährungstipps.

Wer Muskeln will, muss auf andere Dinge verzichten. Alkohol zum Beispiel. Chris trinkt alle sechs Monate mal ein Glas Wein, geraucht hat er noch nie. Wenn seine Freunde grillen oder feiern, ist er schon wieder auf dem Weg ins Fitnessstudio oder bleibt zu Hause, denn wer abends ausgeht, ist am nächsten Tag nicht fit genug. Ein bisschen neidisch auf das Leben seiner Freunde sei er schon, sagt er. "Die können sich einfach so gehen lassen, sorglos einen Bierbauch bekommen. Ich kann mir dieses Gemütliche nicht erlauben."

Chris trainiert jetzt schon seit zwei Stunden, hat sich mehrmals nach oben in die Luft gestemmt, zur Seite gedrückt, Klimmzüge, Bankdrücken, Kreuzheben, heute all das noch präziser als sonst, er wird ja gefilmt. Dabei hat er den ganzen Tag noch nichts gegessen. Das gehört zu seinem speziellen Ernährungsplan, die von ihm erfundene "Kuchendiät". Vor dem Training isst er gar nichts und danach bis zu 5.000 Kalorien auf einmal. Wenn Chris in einer Stunde nach Hause kommt, dann wird er sich vielleicht Sushi für 70 Euro bestellen, drei Pizzen, Nudeln mit sechs Eiern, Hähnchen und Rindertatar oder Käsetortellini, die viel Eiweiß enthalten. Auch Kuchen oder Eis sind dann erlaubt.