Z2X - »Keine Eigenschaft der Welt ist männlich oder weiblich« Geschlechter- und Schönheitsideale bestimmen immer noch unser Leben. Warum es wichtig ist, sie zu überwinden, erzählt Hengameh Yaghoobifarah in ihrem Blitzvortrag. © Foto: Phil Dera

Auf Einladung von ZEIT ONLINE treffen sich an diesem Wochenende 1.000 engagierte Menschen zwischen 20 und 29 Jahren beim Festival Z2X18 in Berlin. Dieser Text von der Journalistin Hengameh Yaghoobifarah war als Blitzvortrag Teil des Programms. Nach welchen Regeln wir als Veranstalter über das Festival und unsere Weltverbesserer-Gemeinschaft Z2X berichten, lesen Sie hier.

Jedes Mal, wenn ich erzähle, dass ich Skandinavistik und deshalb Schwedisch studiert habe, schauen mich die Leute verblüfft an. Nicht, weil ich nach dem Studium einen Job gefunden habe – sondern, weil es so random erscheint. Ich sag dann immer, dass ich mal etwas Exotisches machen wollte. Aber ein Grund war definitiv auch, dass Schwedisch mittlerweile viel Raum für Genderfluidität hat.

Hen steht seit 2015 als genderneutrales Pronomen im schwedischen Duden. Es ist ein nicht-binäres personenbezogenes Pronomen, das neben hon und han (sie und er) die dritte Person im Singular bezeichnet. Auch Bezeichnungen wie Arzt_Ärztin, Lehrer_in oder Schlagzeuger_in sind genderneutral, wie etwa auch im Englischen oder auf Farsi. Deutsch kackt dagegen volle Kanne ab.

Keine Eigenschaft der Welt ist weiblich oder männlich. Auch keine anatomische. Manche Männer menstruieren oder gebären, manche Frauen penetrieren oder werden nie eine Abtreibung brauchen. Eine helle Stimme kann auch eine männliche sein, eine tiefe auch weiblich – oder eben weder noch. Cisnormativität – die Defaulteinstellung, dass alle Menschen sich mit dem ihnen bei der Geburt zugeschriebenen Geschlecht vollständig identifizieren und sich entsprechend verhalten – stellt Bilder her, die der Realität nicht gerecht werden. In Deutschland ist es Transvätern immer noch nicht möglich, sich als solche in die Geburtsurkunde eintragen zu lassen: Sie gelten formal als Mütter.

Ich bin non-binary oder auf Deutsch: nicht-binär. Das ist ein Schirmbegriff für sehr viele unterschiedliche Gender, von genderfluide bis geschlechterlos (agender), die eins gemeinsam haben: Sie passen nicht in die binären Kategorien Mann und Frau. Manche verorten sich irgendwo dazwischen, andere außerhalb dieser Konzepte. In Deutschland ist der Diskurs noch nicht so weit, aber es wird. Denn ab diesem Herbst muss es im Personeneintrag die sogenannte dritte Option geben für alle Personen, die nicht männlich oder weiblich sind. Das entschied 2017 das Bundesverfassungsgericht. Wie das genau ablaufen wird und für wen das gelten soll, ist noch unklar. Denn nicht-binär können Transpersonen, aber auch intergeschlechtliche Leute sein.

Die Genderidentität ist keine bloße Kopfsache, denn es gibt viele Menschen, deren Körper sich nach der Geburt nicht in eine binäre Geschlechterkategorie einordnen lassen. Auch historisch war es besonders außerhalb des Westens nicht schon immer so, dass ein Geschlecht von den Genitalien oder Chromosomensätzen abgeleitet wurde. In Indien gibt es die Hijras, in indigenen Gemeinschaften Nordamerikas Two-Spirits, die Minos in Benin oder die Mahus auf Hawaii.

Nur, weil Männer weinen, macht es sie nicht zu Mädchen. Und selbst wenn sind Mädchen nichts Schlimmes.

Nicht zufällig ist Zweigeschlechtlichkeit ein westliches Konzept, das insbesondere während des Kolonialismus gewaltvoll in Gesellschaften durchgesetzt wurde. Ein aufgezwungenes Konstrukt, das mehr Schaden anrichtet, als dass es Menschen nützt. Phänomene wie toxic masculinity – ein Produkt des Patriarchats, das auch Männern schadet, indem es ihnen verbietet, Verletzlichkeit oder Zärtlichkeit zuzulassen – verbreiten sich leichter, wenn Menschen denken, es gäbe Geschlechtergrenzen, die durch bestimmte Eigenschaften oder Verhaltensmuster überschritten werden können. Dabei ist Gender kein Entweder-oder, sondern ein fluides Spektrum.

Nur weil Männer weinen oder sich waschen, transzendieren sie nicht ihr Geschlecht. Oder anders ausgedrückt: Es macht sie nicht zu Mädchen. Und selbst wenn sind Mädchen nichts Schlimmes. Eigenschaften wie Verletzlichkeit, Emotionalität, Fürsorglichkeit, Zärtlichkeit oder Häuslichkeit feminin zu kodieren, manifestiert Geschlechterrollen, die erstens bedrückend eng sind und zweitens Ausbeutung rechtfertigen. Denn wenn ich davon ausgehe, dass emotionale und reproduktive Arbeit von Frauen ausgeführt werden muss, kann ich alle Leute sanktionieren, die sich nicht an diese Vorstellung aus dem Mittelalter halten. Davon abgesehen: Weder meine Kleidung, noch mein Make-up, meine Frisur oder meine Art zu sprechen sind entscheidend für mein Geschlecht.

Einschränkende Geschlechterideale waren der Grund dafür, warum ich jahrelang nicht wusste, ob mit mir oder mit der Gesellschaft etwas nicht stimmt. Jetzt weiß ich, dass es nicht an mir liegt. Und dass ich feminine wie maskuline Eigenschaften in mir zelebrieren kann, ganz ohne die Angst davor, mich dadurch auf ein Geschlecht festzulegen.

Das wissen prozentual mehr Millennials als die Generationen über ihnen, zeigen viele Studien. Sowohl hinsichtlich ihres Begehrens als auch ihrer Genderidentität ist sich diese Generation ihrer Freiheit und ihres Handlungsspielraums bewusst. Heterosexualität und Cisgeschlechtlichkeit mögen Defaulteinstellungen sein, aber wir wissen, wie wir das Auswahlmenü bedienen können. Was für ein Glück, ein 90s Kid zu sein. Wir müssen nicht nur Verantwortung für alles übernehmen, was die Generationen vor uns verkackt haben, sondern werden von diesen Leuten oft nicht ernst genommen. Dafür sind wir aber so selbstbewusst aufgewachsen – mit mehr Möglichkeiten, mit mehr Vorbildern, mit mehr Zugang zu Wissen –, dass wir das gut wegstecken können und uns nicht davon abhalten lassen, unsere eigenen Wirklichkeiten zu leben.