Ein Jahr nach Charlottesville liefern sich in einigen Städten der USA Linke und Rechte Straßenkämpfe. Auch in der Unistadt Berkeley treffen Antifas auf Trump-Fans.

Anna singt laut die Hymne der Trump-Gegner: "No Trump, no KKK, no fascist USA!" Immer wieder. Sie fällt auf mit ihrem rot karierten Hemd und dem pinken Bandana, das sie sich um den Mund gebunden hat. Sie will nicht erkannt werden. Vorne läuft der schwarze Block – vermummt, in Schwarz gekleidet. Etwa 400 Menschen haben sich an diesem sonnigen Sonntag in einem Park in Berkeley versammelt, der Stadt der Eliteuni an der Westküste der USA. Eine Aktivistin mit lockigen Haaren, rotem Lippenstift und roten Ohrringen führt die Demonstration an. Anna sieht zu ihr rüber, als sie zum Megafon greift und ruft: "Wir sind heute hier, weil Faschisten keinen Platz in Berkeley haben" und "Meinungsfreiheit gilt nicht für Nazis!"  

Vor einem Jahr ist in Charlottesville Heather Heyer gestorben. Die 32-jährige Heyer ist am Rande eines rechtsextremen Aufmarschs getötet worden. Ein 20-jähriger Adolf-Hitler-Bewunderer war mit seinem Auto in die Gegendemonstration gefahren und verletzte 19 Menschen. Donald Trumps Wahl und der Tod von Heather Heyer haben Städte wie Berkeley verändert. Seit mehr als einem Jahr treffen in Berkeley linke und rechte Demonstranten aufeinander, werfen Steine, Flaschen, zünden Autos und Mülltonnen an. Die Demonstrationen finden nicht regelmäßig statt, im vergangenen Jahr waren es acht. Oft sind sie wie heute auch nicht besonders groß. Aber es brodelt stetig unter der Oberfläche.

Die Stimmung unter den Demonstrierenden ist angespannt. Nur wenige Straßen entfernt marschieren Anhänger der Alt-Right-Bewegung. Alt-Right ist ein Sammelbecken für Trump-Fans, Chauvinisten, Internettrolle, Islamhasser, Rassisten und auch Neonazis.

Deshalb haben die linken Demonstrantinnen Schilder vorbereitet: "Always Antifascist", "Make Racists Afraid Again" oder "Ban Nazis" haben sie auf Pappkartons oder Fächer geschrieben. Auf einigen liest man auch den Namen Heather Heyer. Anna hat damals in den Nachrichten von ihrem Tod erfahren. Sie will, dass ihr Tod nicht vergessen wird. Heyer ist in den USA ein Symbol für den Hass und die Gewaltbereitschaft der Rechten geworden.

Ganz Amerika schaut in den vergangenen Monaten immer wieder auf die Universitätsstadt Berkeley, denn die 100.000-Einwohnerstadt gilt als eines der Zentren der Intellektuellen des Landes, demokratisch und liberal. Doch seit Donald Trump Präsident ist, gewinnen rechte Gruppen wie die Patriot Prayers oder die Proud Boys überall in den USA an Selbstbewusstsein und an Zulauf. Die Rechten verlassen ihre Komfortzone und versuchen hier, im vermeintlich linken Territorium, zu provozieren.

Charlottesville
»Wir sind verletzt und gespalten«
Die gewaltsamen Proteste von Rechtsradikalen haben bei den Menschen in Charlottesville Spuren hinterlassen. Schwarze und Juden fühlen sich unsicher, manche geben Donald Trump die Schuld. Eine Videoreportage aus dem Januar

"Ich finde, der schwarze Block sollte Pink tragen, dann würden sie freundlicher aussehen", sagt Anna und lacht. Anna ist eine kleine zierliche Person. Sie arbeitet als Programmiererin und ist in der Gegend aufgewachsen. Sie war immer wieder bei Demos wie dieser. Es sei ihr wichtig, gegen die Rechten Präsenz zu zeigen, sagt sie. Sie möchte nicht, dass ihr richtiger Name in diesem Artikel steht, weil sie Angst hat, von rechten Trollen angefeindet zu werden.

Mittlerweile ziehen die Demonstranten seit zwei Stunden durch die Innenstadt, vorbei an Schildern, die ein Laden ins Fenster gehängt hat – "Berkeley Stands United Against Hate" steht darauf –, vorbei an großen Gebäuden, die zur Universität gehören. Einige Vermummte am Rand haben Walkie-Talkies oder Kopfhörer in den Ohren, sie bestimmen die Route. Andere verteilen Wasser, die Sonne brennt und der Himmel strahlt blau.

Viele tragen schwarze Helme gegen Schläge und Schwimmbrillen gegen Tränengas der Polizei. "Wenn Frauen, Schwarze oder Muslime angegriffen werden, dann müssen wir zurückschlagen", ruft eine der Aktivistinnen mit einem Megafon weiter vorne. Drei Clowns laufen an Anna vorbei. Es sind Fans des Rap-Duos Insane Clown Posse, sie nennen sich Juggalos. Immer wieder fallen Fans der Band auf Demos auf. Anna hält sie auf und macht ein Selfie mit den dreien für ihre Freunde, die zu Hause geblieben sind.

Die meisten Demonstranten aber gehören zur Antifa Berkeley oder sympathisieren zumindest mit ihr wie Anna. Sie wollen, dass Menschen, die anders denken – egal ob schwarz, weiß, queer, trans, lesbisch oder schwul –, hier willkommen sind. Bislang galten Antifa-Gruppen eher als europäisches Phänomen. Doch seit einem Jahr gründen sich immer mehr antifaschistische Gruppen in den USA, die Strategien der autonomen Bewegungen aus Deutschland und Italien aufgreifen. Und ihre Aktionen sind in den Medien sichtbar geworden.