Anna war auch dabei, als Mülltonnen wegen Milo Yiannopoulos angezündet wurden. Anfang des vergangenen Jahres sagte die Universität Berkeley einen Auftritt mit dem ultrarechten Blogger und Trump-Anhänger ab, weil die Ankündigung der Veranstaltung gewaltsame Studentenproteste ausgelöste hatte. Viele von der Antifa Berkeley waren daran beteiligt. Präsident Donald Trump drohte auf Twitter, der Uni die öffentlichen Mittel zu streichen: "If U.C. Berkeley does not allow free speech and practices violence on innocent people with a different point of view - NO FEDERAL FUNDS?"

Yiannopoulos durfte ein paar Monate später schließlich doch noch auftreten, bei einer Veranstaltung zur Meinungsfreiheit. Linke nutzten das, um heftig dagegen zu protestieren. Es entbrannte ein Streit darüber, wo die Grenzen der Meinungsfreiheit liegen. Die Demos sind ein Kampf um Bilder, um Aufmerksamkeit. Wer hat wirklich das Sagen: Trump und seine Anhänger oder die anderen, die Liberalen und Linken?

Die Rechten, das sind an diesem Sonntag so wenige, vermutlich nicht einmal hundert. Sie füllen den Platz vor dem Bürgerzentrum von Berkeley nicht aus. Den Protest unter dem Titel "No to Marxism in America" hat Amber Gwen Cummings organisiert. Unter den Rechten ist die große, wuchtige Transsexuelle, die sich als Trump-Fan ausgibt, bekannt. Einige tragen lila-blaue Helme mit der Aufschrift "Patriot Girl" und dazu Donald-Trump-Kniestrümpfe und -Schienbeinschützer. Die Rechten sind sich in einem einig: Sie unterstützen Trump und seine Politik. Amber Gwen Cummings sagt einer Reporterin auf die Frage, warum sie den Präsidenten unterstützt: "Er will ein Amerika für alle Leute schaffen."

Mehrere Polizeibarrieren trennen beide Gruppen voneinander. Immer wieder rückt die Antifa und auch Anna mit ihrem pinken Bandana zur Barriere vor und weicht dann wieder zurück. Vorne in der ersten Reihe machen sich alle bereit, Steine und Flaschen zu werfen. Anna läuft ein paar Meter zurück, hält Sicherheitsabstand. Trotzdem sympathisiert sie mit der Gewalt: "Wir haben die richtige Action schon verpasst, eben haben es ein paar geschafft, die Barriere der Polizei zu durchbrechen und zu den Neonazis vorzudringen", sagt sie. Die Gewalt übe auf sie einen gewissen Reiz aus, sagt sie. Und doch wolle sie nicht ganz Teil davon sein: "Das ist ja auch gefährlich."

Anna spricht davon, dass es hier auch darum gehe, ihre Existenz zu verteidigen. "Die Polizei soll aus dem Weg gehen. Wir sollten das Recht haben, die Nazis verprügeln zu dürfen. Ich glaube, dann trauen sie sich nicht noch einmal auf die Straße", sagt sie. Dann knallt es zum ersten Mal. Die Polizei feuert Rauchgranaten gegen die Antifa ab, als diese sich mit Mülltonnen und einem Metallzaun nähert. Rauch liegt in der Luft. Die Demonstrantinnen weichen zurück.

Während vorne eine große Gruppe friedlich weiterzieht und auf ihre Trommeln schlägt, holen etwa zehn Vermummte Hammer aus ihren Rucksäcken und greifen zu Stöcken. Sie schlagen wie im Vorbeigehen bei 19 Autos der Stadt Berkeley Scheiben ein und zerschlitzen Reifen. Es dauert nur wenige Sekunden.

Anna verschwindet in einer Seitenstraße. Genug protestiert. In kleinen Gruppen ziehen die letzten etwa 50 Demonstranten friedlich durch die Straßen, als wollten sie keine Straße auslassen, als sollte wirklich jeder von dem Protest erfahren. Vorbeifahrende Bürger hupen und feuern sie an. "Wir haben das gut gemacht", sagt die Aktivistin mit dem Megafon, als sich der Protest drei Stunden später an der U-Bahnstation auflöst.

Am Ende des Tages wird die Polizei etwa 20 linke Demonstranten festnehmen, ihre Fotos, ihre Namen auf Twitter veröffentlichen. Auf dem Trump-nahen Fernsehsender Fox News heißt es: "Antifa members in Berkeley smash windows of US Marine corps Recruting office during protest."

Was bleiben wird, sind die Bilder in den sozialen Medien. Die Rechte Amber Gwen Cummings postet auf ihrer Facebook-Seite ein Video vom Protest und inszeniert sich als Heldin, Tausende schauen es sich an. Ein Moderator der rechten Internetplattform Inforwars postet ein Video, in dem alles ein bisschen größer, ein bisschen dramatischer wirkt. Die Polizei von Berkeley veröffentlicht Fotos von beschlagnahmten Messern. Bei Twitter hält die Antifa Berkeley dagegen, einige Bilder aus dem Fox-News-Beitrag seien nicht in Berkeley entstanden. An diesem Sonntag sieht sich jede Seite als Gewinner.

"We Remember Heather Heyer" und "ALL OUT AGAINST THE ALT-RIGHT" steht auf einem Bild im Netz, das die Antifa Berkeley verbreitet. Sie kündigen die nächsten Demos zum ersten Jahrestag von Heather Heyers Tod an. Auch in Charlottesville und Washington wollen sie auf die Straße gehen. Die Rechten mobilisieren auch schon.