ZEIT Campus ONLINE: Warum nicht?

DiAngelo: Weil Weiße in einer Welt leben, in der sie 24 Stunden, sieben Tage die Woche in ihrer race bestätigt, repräsentiert und als normal angesehen werden. Wir erfahren nie, wie es ist, sozialen Druck wegen unseres Weißseins zu erleben. Deshalb können wir nicht damit umgehen, wenn genau das passiert. Wir reagieren wütend und ablehnend, um dieses unangenehme Gefühl zu beenden. Das ist eine mächtige Form weißer Kontrolle, eine Form weißen Mobbings.

ZEIT Campus ONLINE: Das müssen Sie erklären.

DiAngelo: Wir machen es unerträglich für people of color, mit uns über ihre rassistischen Erlebnisse zu sprechen. Und dadurch bringen wir sie zum Schweigen. Sie können das in der #MeTwo-Debatte sehen: Es ist nicht neu, dass people of color diese Erfahrungen machen – sie erzählen nur normalerweise nicht davon. Und zwar genau wegen der Reaktionen, die dabei herauskamen, als sie sie dann doch geteilt haben: Weiße begegnen ihnen mit Feindseligkeit und Ablehnung. Ihre Erfahrungen werden kleingeredet und oft werden sie sogar noch mehr dafür bestraft, sodass ihre Situation schlechter wird, nicht besser. Deshalb ist white fragility ein mächtiger Weg, um people of color auf ihren Platz zu verweisen – und Weiße in ihrer gesellschaftlichen Machtposition zu halten.

ZEIT Campus ONLINE: Wie reagieren die Weißen, mit denen Sie arbeiten, wenn Sie sie mit ihrem Weißsein konfrontieren?

DiAngelo: Lassen Sie mich ein Beispiel nennen: Ich hatte vor Kurzem einen Workshop mit Weißen. Eine schwarze Frau erklärte einem weißen Mann das Konzept der white fragility. Und er sagte zu ihr: "Okay, aber warum müssen Sie 'weiß' sagen?" Was natürlich absurd ist, weil das genau der Punkt ist, um den es bei der white fragility geht – es ist ein soziales Muster weißer Menschen. Aber der Mann wollte nicht, dass sein Weißsein benannt und ihm eine Bedeutung gegeben wird. Ich werde auch oft bei Vorträgen gebeten: "Bitte sagen Sie nicht das Wort 'weiß'" – während es total in Ordnung ist, people of color zu benennen. Wenn wir über race sprechen, wollen wir immer nur über die race anderer sprechen, aber nicht über unsere. Und das verstärkt nur die Vorstellung, dass wir keine race haben. Und dann gibt es natürlich noch die ganzen Beweise, die Weiße anführen, warum Sie keine Rassisten sein können.

ZEIT Campus ONLINE: Zum Beispiel?

DiAngelo: Weiße sagen oft "Mir wurde beigebracht, jeden gleich zu behandeln", "Ich kenne people of color", "Ich war eine Minderheit in Japan" oder "Ich lebe in New York City", also einer Großstadt. Solche Dinge.

ZEIT Campus ONLINE: Was antworten Sie darauf?

DiAngelo: Ich sage: Wenn das Ihre Beweise sind, die Sie von einem Rassisten unterscheiden, dann müsste es einem Rassisten unmöglich sein, diese Dinge zu tun. Ein Rassist könnte nicht in der Nähe von people of color arbeiten, er könnte nicht in einer großen Stadt leben, könnte nicht in Japan gelebt haben. Sehen Sie, wie lächerlich das ist? Denn natürlich kann ein Rassist alle diese Dinge tun. Diese Sätze zeigen wieder das Bild auf, dass viele Weiße von einem Rassisten haben: Jemand, der nicht einmal den Anblick einer person of color ertragen kann.