Solidarität, endlich

In Chemnitz tobte ein wütender Mob. Aber dagegen ist zum ersten Mal ein gesamtdeutscher Zusammenhalt entstanden: Ost und West gemeinsam gegen Rassismus.

Dass man in Berlin und Hamburg protestierte: war klar. Aber für Chemnitz, für die Zivilgesellschaft? Dass sich Campino gegen rechts ausspricht: geschenkt. Aber dass er auf der Bühne steht und all die kleinen Gruppen und Initiativen aus der Region lobt? Nach dem Protestkonzert vergangene Woche in Chemnitz, kurz bevor die Besucher wieder in die Züge nach Leipzig, Hannover oder Stuttgart stiegen, lag etwas in der Luft, am ehesten beschreibbar mit den Worten: "Wir stehen zusammen. Wir lassen uns nicht unterkriegen."

In Chemnitz solidarisierte sich eine gesamtdeutsche Jugend, aufgewachsen in einem vereinten Deutschland, sozialisiert mit den gleichen Fernsehprogrammen, gleicher Musik und Literatur, Zugang zum Internet. Die über Böhmermann lacht, sich nostalgisch an Bum-Bum-Eis erinnert, Europa nur ohne Grenzen kennt, verschwommen Lenas Sieg beim Eurovision Song Contest vor Augen und im 11. September eine Art weltpolitisches Erweckungserlebnis hat. Teilweise banale Beispiele, ja. Aber eine Generation generiert sich aus ihrem gemeinsamen Erfahrungsschatz, ihrer räumlichen und zeitlichen Verortung. Hier ist eine gesamtdeutsche Jugend entstanden, die Rassismus, Rechtsextremismus und all die leisen Zwischentöne nicht länger als ein ostdeutsches Problem betrachtet. Die nicht, wie ihre Eltern und Großeltern, darin eine Verfehlung der neuen Bundesländer sieht, sondern eine Gefahr für die bundesdeutsche Gesellschaft und Demokratie und damit eine Aufgabe und Verantwortung für sich selbst. Erstmals überhaupt ist so etwas wie eine bundesgesellschaftliche Sensibilität zu erkennen. Solidarität, Mitverantwortung. Etwas, das nach der Wende lange auf sich warten ließ und nie einzutreten drohte.

Denn wenn die Wende- und Nachwendezeit etwas nicht war, dann ein Begegnen gleicher und gleichberechtigter Akteure. Da war keine Augenhöhe, weder wirtschaftlich noch politisch. Ich erinnere mich an Gewerbeparks, die rund um meine Heimatstadt entstanden. Vorher wurden alte, leer stehende Fabriken gesprengt, alle von der Treuhand ruiniert. Jetzt diese ausgewiesenen Flächen für neue Hallen. Riesige Parkplätze, mickrige Bäume ringsum. Die Stadt senkte die Gewerbesteuer gen null, das Geld floss weiter in den Westen, wo die Firmensitze waren und nach wie vor sind. Das Credo der Stunde: Arbeitsplätze, Arbeitsplätze, Arbeitsplätze. Gleichzeitig schlossen Bäcker, Sparkassen, Apotheken. Die Straßen marode wie eh und je. Schulen wurden zusammengelegt, ebenso Landkreise wieder und wieder.

Und ich erinnere mich an Fernsehabende: Wieder ein Film über die DDR, wieder über die Stasi. Oder, in lustig: Haha, die hatten ja gar keine Südfrüchte! Nicht einmal darüber, über das eigene Gedenken, die eigene Vergangenheit, durfte man die Oberhand behalten. Diese BRD, dieses Deutschland, für mich das einzige Land, das ich kenne, für viele um mich herum das zweite oder dritte politische System, schien nichts von dem einhalten zu können, was es versprochen hatte.

Da war so eine bleierne Schwere. Erkennbar in den Gesichtern der Männergruppen, die sich zum Trinken in der Garage trafen. Das Tor offen, das Auto wie ein Sichtschutz geparkt. Spürbar in den Versuchen, ein Eigenheim zu bauen und damit am Wohlstand zu partizipieren. Ich bemerkte, wie mit der Finanzkrise 2008 und schließlich der sogenannten Griechenland-Hilfe letztes Zutrauen in das zukunftsorientierte Handeln des Staates erodierte und mit der sogenannten Flüchtlingskrise das letzte Zutrauen in dessen Handlungsfähigkeit. Kritik traf nicht länger die Regierung, sondern den Staat und das sogenannte System. Wo nach der Wende eine Art Staatsskepsis herrschte, wandelte sie sich zunehmend in eine Staatsablehnung.

Trotz auf beiden Seiten

Nun Chemnitz, das synonym für den nächsten Schritt einer gesellschaftlichen Spaltung und Entfremdung steht. Nicht nur weil rechtsradikaler Protest, rechte Gewalt und damit rechte Netzwerke offenkundig wurden. Nicht nur weil sie sich durch ihre Kontinuität bestätigten. Sondern weil dieser Protest, getragen auch von jenen, die nicht auf der Straße sichtbar waren, auf Trotz beruht. Auf dem Gefühl, dass Tatsachen bestätigt wurden. Dass Deutschland schwach ist, handlungsunfähig, irrational. Dass Ausländer kriminell sind und die deutsche Bevölkerung darunter leidet. Dieser Trotz beruht auf einem "Jetzt reicht's! Wir haben euch das die ganze Zeit gesagt!". Es ist schwer vorstellbar, dass von hier aus ein Schritt zurück möglich ist. Im schlimmsten Fall wird sich der gewaltbereite rechte Protest zunehmend militarisieren und öffentlich sichtbar mobilisieren. Er wurde rhetorisch bereits in die Bereiche der Selbstbewaffnung und Selbstjustiz geleitet. Im zweitschlimmsten Fall wendet sich eine Wählermehrheit der AfD zu, um dadurch eine Art Systemwechsel einzuleiten. Eine Alternative zu Deutschland. In Sachsen stehen nächstes Jahr die Kommunal- und Landtagswahlen an.

Es politisiert sich eine Jugend, der diese Fähigkeit lange abgesprochen wurde.

Aber nach all den Bildern aus Dresden, Clausnitz, Heidenau, Freital und Bautzen setzt auch auf der Gegenseite Trotz ein. Auch hier ein: "Jetzt reicht's!". Da sind viel Eventkultur und viele Hashtags, ja. Aber es politisiert sich eine Jugend, der diese Fähigkeit lange abgesprochen wurde. Ich erinnere mich an Debatten um schwindende Parteien- und Gewerkschaftsbindung, um weniger Leserinnen von Zeitungen und Büchern. Ergo konnte sich "die Jugend" nur mit sich selbst beschäftigen, mit Handys und Apps, die "die Alten" nicht verstanden. Dass sich jedoch lediglich die Kommunikationsmöglichkeiten und die Partizipationsangebote verändert haben und dass das keine Auswirkungen auf ein mögliches politisches Bewusstsein haben muss, zeigt sich spätestens jetzt deutlich.

Anders als der rechten Seite ist es der linken noch nicht gelungen, ihre Forderungen, Wünsche und Ideen in einer Partei wiederzufinden. Es scheint sogar, als würden sich Parteien des linken Spektrums zunehmend nicht mehr dafür verantwortlich fühlen und sich sogar der rechten Seite annähern, bedenkt man unter anderem das Hadern der SPD mit dem Thema Migration oder die neue Sammlungsbewegung um Sahra Wagenknecht, der es vor allem wichtig erschien, sich von offenen Grenzen und Zuwanderung zu distanzieren. Das sorgt kurzfristig nicht nur für eine parteipolitische Heimatlosigkeit der jungen Demonstranten, sondern langfristig auch für Resignation. Es wäre ein Sieg für die rechte Seite, wenn das Potenzial dieser jungen Politisierungswelle ungehört verpuffen würde. Und es wäre eine Niederlage für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, gerade jetzt.

Denn es liegt eine Chance vor allem in der neuen Solidarisierung mit dem Osten. Sie unterstützt nicht nur die viel zu lange viel zu kleingeredete Zivilgesellschaft, sondern kann auch die Gegenseite erreichen, eben die, die ein Gemeinschaftsgefühl lange vermisst haben und sich rechten Bewegungen anschlossen, in der Hoffnung, dort Gehör zu finden. Diese Solidarisierung kann Augenhöhe vermitteln und ein geeintes Deutschland, nun auch gesellschaftlich. Da wird nicht länger über jemanden geredet, über jemanden regiert, über jemanden bestimmt, sondern mit. Zusammen, gemeinschaftlich. Da ist eine Generation im Anmarsch, die Hoffnung macht.