Die Chipkarte verrät, wer das Studium abbricht

Hochschulen ersetzen Papierausweise durch Chipkarten, Studierende geben dadurch ständig Daten preis. In den USA werten Forscher diese aus. Droht das auch in Deutschland?

Ohne ihre Cat Card sind Studierende der Universität in Arizona auf dem Campus aufgeschmissen. Sie brauchen sie, um Gebäude zu betreten, sie zahlen damit ihren Kaffee und ihr Mensaessen oder leihen sich damit ihre Bücher aus. Der Studentenausweis ist praktisch, aber zig Mal am Tag hinterlassen die Studierenden damit auch ihren Ort und die Uhrzeit. Mit diesen Informationen analysierte die Professorin Sudha Ram, die in Arizona Datenverarbeitung lehrt, die Bewegungsprofile und sozialen Gruppen der Erstsemestler. "Wir können nach zwölf Wochen mit fast 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit sagen, wer sein Studium abbrechen wird", sagt Ram.

Noch wird ihre Forschung nicht genutzt. Doch schon heute gibt es in Arizona die "20 Prozent Liste" der Studierenden, die gefährdet sind, abzubrechen. Sie werden über ihre Noten, ihre finanzielle Unterstützung und weitere Faktoren bestimmt. Mitarbeiter der Universität sollen "aufmunternde Nachrichten" an die betroffenen Studierenden schicken und sie zum Vieraugengespräch bitten. So steht es im Leitfaden, der ZEIT Campus ONLINE vorliegt. Das Ziel: die retention, die kleinstmögliche Abbrecherquote.

In Deutschland schützt die DSGVO die Studierenden

Auch in Berlin nutzen Studierende jeden Tag eine sogenannte Campuscard, um in der Mensa zu essen oder Bücher auszuleihen. Doch hier weiß die Universität dadurch nicht einmal, wer gerade Polenta mit Rahmchampignons bezahlt hat, geschweige denn, wer heute gar nicht da war. Wenn eine Studentin die Karte auf das Lesegerät hält, hat sie danach weniger Guthaben auf der Karte, aber ihre Identität wird nicht erfasst. Strenge Gesetze schützen die Privatsphäre der Studierenden, vereinheitlicht in der Europäischen Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO). Sie soll verhindern, dass ein Unternehmen oder eben die Universität wahllos viele Informationen speichert. Das steht der Logik von Firmen wie Facebook oder Bonuskarten wie der DeutschlandCard entgegen: je mehr Daten über unsere Nutzer, desto besser das Produkt.

Auch Sudha Rams Arbeit ist nur möglich, weil sie auf sehr viele Informationen zugreifen kann, in ihrem Fall die Aufenthaltsorte der Studierenden. Sie beschäftigte sich erst mit dem aktuellen Forschungsstand: Entscheidend dafür, ob ein Student abbricht, seien nicht seine Noten oder wie weit die WG von der Universität entfernt liegt. Am wahrscheinlichsten breche ab, wer keine Routine auf dem Campus entwickelt und keinen stabilen Freundeskreis aufbaut.

Um diese Gewohnheiten erfassen zu können, kommen die vielen Orts- und Zeitstempel ins Spiel, welche die Universität über die Cat Card speichert. Ram animiert sie auf Karten mit farbigen Linien: Viele führen zu Starbucks, nur wenige zur Bibliothek der Schönen Künste. Auf dem Cover des Magazins der Universität posiert sie lächelnd vor dieser Grafik. Sie wertet aus, wer jeden Tag ähnliche Wege läuft und wer scheinbar ziellos umherstreunt. Wenn zwei Menschen immer zusammen Kaffee trinken, also nacheinander bezahlen, sind sie wahrscheinlich befreundet. Im Zeitverlauf kann sie sehen, welche Erstsemestler in den ersten Wochen immer mehr Zeit zusammen verbringen und wer sich wieder verliert.

Die Vorteile des Papierlappens

Ihre Vision findet Janik Besendorf vom Allgemeinen Studierendenausschuss (Asta) der Freien Universität Berlin dystopisch. Er ist Anfang 20, sein genaues Alter will er nicht verraten, weil es noch nicht im Internet steht. Für Besendorf ist Privatsphäre nicht nur ein persönliches Anliegen, sondern ein politisches. Wenn jeder Kaffee und jeder Fehltritt analysiert werden kann, sieht er die Freiheit an der Universität bedroht.

Wenn die Verwaltung einsehen kann, wer demonstriert, wer mit wem Essen geht oder wer bei einer Uni-Besetzung dabei war, sieht er die Arbeit von Aktivisten und die Meinungsfreiheit bedroht – letztlich also die Demokratie. Seit Jahren kämpft der Asta deswegen gegen die Einführung elektronischer Ausweise. Studierende würden sich an eine Technik gewöhnen, die sie tracken kann, erst an der Uni und später am Arbeitsplatz. "Ich mag auch keine Papierlappen", sagt Besendorf, der Informatik studiert. "Aber es gibt auch Plastikkarten ohne Chip."

Die Uni sieht nur die Bibliotheksnummer

Die FU führte die Campuscard trotz der Kritik des Astas 2017 ein, auch fünf weitere Berliner Hochschulen nutzen sie heute. Sie ist Teil der Umstellung auf elektronische Ausweise in ganz Europa. Das plant die EU-Kommission in den nächsten Jahren in allen Mitgliedsstaaten. Allerdings sollen die Karten technisch anders umgesetzt werden als in Arizona, so wie in Berlin: Das Studierendenwerk kann nur das Guthaben auf der Mensakarte sehen, die Universität nur die Bibliotheksnummer. Denn sie liegen in getrennten Bereichen auf der Karte, die unterschiedlich verschlüsselt sind. Den Schlüssel zu den Inhalten bekommt nur, wer ihn braucht. Obwohl Besendorf die Einführung ablehnt, sagt auch er: "Das ist technisch momentan gut umgesetzt."

Forscher aus Cambridge konnten etwa nur anhand von Facebook-Likes mit 88-prozentiger Wahrscheinlichkeit bestimmen, ob ein Mann schwul ist.

Das Konzept dahinter nennt sich Datensparsamkeit: Keiner kann Informationen sehen oder speichern, die für seine Aufgaben nicht notwendig sind. So war es schon im Bundesdatenschutzgesetz festgeschrieben, mittlerweile ist die Datensparsamkeit Teil der Europäischen Datenschutz-Grundverordnung.

Die strengen Gesetze haben ihren Ursprung auch in der europäischen Geschichte. Mit dem Nationalsozialismus und der DDR gibt es allein in Deutschland gleich zwei Beispiele dafür, wie Regierungen Informationen wie die politische Orientierung gegen die Bürger verwendeten. Eine große Kartei an genauen Profilen sollen Gesetze deswegen verhindern. 

Mit einem Blick auf die vielen Social-Media-Profile, die Nutzer bereitwillig selbst anlegen, scheint das fast ein veralteter Gedanke. Doch aus der Masse an Informationen lässt sich vieles ableiten, was sie vielleicht gar nicht über sich verraten wollten.

Die DSGVO wirkt

Forscher aus Cambridge konnten etwa nur anhand von Facebook-Likes mit 88-prozentiger Wahrscheinlichkeit bestimmen, ob ein Mann schwul ist, auch wenn er es nicht im Profil angegeben hatte. Ähnlich genau konnten sie bestimmen, wer welche Partei wählt, und sie fanden sogar – allerdings mit geringerer Treffsicherheit – heraus, wer Drogen nimmt und wessen Eltern sich vor dem 21. Lebensjahr getrennt hatten. Wie viel weitere Informationen wie Uhrzeit und Ort offenbaren können, zeigt Sudha Rams Analyse potenzieller Studienabbrecher.

Mit den neuen europäischen Gesetzen sollen die Nutzer ein wenig Kontrolle zurückbekommen, etwa mit dem Recht auf Auskunft. Jeder kann heute bei den Unternehmen – oder eben bei der Universität – nachfragen, was sie über ihn gespeichert haben.

Für viele kleine Unternehmen ohne große IT-Abteilung ist die DSGVO mühsam umzusetzen. Doch die Berliner Ausweise zeigen, wie sie wirkt: Die Campuscard ist praktisch und verhindert trotzdem, dass Informationen über die Studierenden gespeichert werden, die Bewegungsprofile möglich machen.

Ein Patent hat Ram schon angemeldet

Professorin Sudha Ram sieht in ihren eigenen, viel weitreichenderen Analysen keine Verletzung der Privatsphäre, sondern eine Chance, Studierende besser zu fördern. Auf ihren Algorithmus hat sie Patent angemeldet. Wie genau die Universitätsmitarbeiter in Arizona dafür sorgen sollen, dass Erstsemestler ihre Routine verbessern oder sich einen stabilen Freundeskreis suchen, sieht sie nicht als ihre Aufgabe. "Ich bin Professorin", sagt sie. "Ich betreibe die Forschung."

Im Oktober 2017 bekam Besendorf zum ersten Mal eine E-Mail von der Uni, in der stand, er solle seine Campuscard abholen. Er ignorierte alle Aufforderungen. Ein halbes Jahr später wurde sie ihm einfach zugeschickt, die alten Ausweise werden nicht mehr ausgegeben. Er hat sie nun doch im Geldbeutel und benutzt sie. Die Freiheit an der Universität, um die sich der Asta fürchtet, scheint – zumindest durch diese Karte – nicht verloren.