Die FU führte die Campuscard trotz der Kritik des Astas 2017 ein, auch fünf weitere Berliner Hochschulen nutzen sie heute. Sie ist Teil der Umstellung auf elektronische Ausweise in ganz Europa. Das plant die EU-Kommission in den nächsten Jahren in allen Mitgliedsstaaten. Allerdings sollen die Karten technisch anders umgesetzt werden als in Arizona, so wie in Berlin: Das Studierendenwerk kann nur das Guthaben auf der Mensakarte sehen, die Universität nur die Bibliotheksnummer. Denn sie liegen in getrennten Bereichen auf der Karte, die unterschiedlich verschlüsselt sind. Den Schlüssel zu den Inhalten bekommt nur, wer ihn braucht. Obwohl Besendorf die Einführung ablehnt, sagt auch er: "Das ist technisch momentan gut umgesetzt."

Forscher aus Cambridge konnten etwa nur anhand von Facebook-Likes mit 88-prozentiger Wahrscheinlichkeit bestimmen, ob ein Mann schwul ist.

Das Konzept dahinter nennt sich Datensparsamkeit: Keiner kann Informationen sehen oder speichern, die für seine Aufgaben nicht notwendig sind. So war es schon im Bundesdatenschutzgesetz festgeschrieben, mittlerweile ist die Datensparsamkeit Teil der Europäischen Datenschutz-Grundverordnung.

Die strengen Gesetze haben ihren Ursprung auch in der europäischen Geschichte. Mit dem Nationalsozialismus und der DDR gibt es allein in Deutschland gleich zwei Beispiele dafür, wie Regierungen Informationen wie die politische Orientierung gegen die Bürger verwendeten. Eine große Kartei an genauen Profilen sollen Gesetze deswegen verhindern. 

Mit einem Blick auf die vielen Social-Media-Profile, die Nutzer bereitwillig selbst anlegen, scheint das fast ein veralteter Gedanke. Doch aus der Masse an Informationen lässt sich vieles ableiten, was sie vielleicht gar nicht über sich verraten wollten.

Die DSGVO wirkt

Forscher aus Cambridge konnten etwa nur anhand von Facebook-Likes mit 88-prozentiger Wahrscheinlichkeit bestimmen, ob ein Mann schwul ist, auch wenn er es nicht im Profil angegeben hatte. Ähnlich genau konnten sie bestimmen, wer welche Partei wählt, und sie fanden sogar – allerdings mit geringerer Treffsicherheit – heraus, wer Drogen nimmt und wessen Eltern sich vor dem 21. Lebensjahr getrennt hatten. Wie viel weitere Informationen wie Uhrzeit und Ort offenbaren können, zeigt Sudha Rams Analyse potenzieller Studienabbrecher.

Mit den neuen europäischen Gesetzen sollen die Nutzer ein wenig Kontrolle zurückbekommen, etwa mit dem Recht auf Auskunft. Jeder kann heute bei den Unternehmen – oder eben bei der Universität – nachfragen, was sie über ihn gespeichert haben.

Für viele kleine Unternehmen ohne große IT-Abteilung ist die DSGVO mühsam umzusetzen. Doch die Berliner Ausweise zeigen, wie sie wirkt: Die Campuscard ist praktisch und verhindert trotzdem, dass Informationen über die Studierenden gespeichert werden, die Bewegungsprofile möglich machen.

Ein Patent hat Ram schon angemeldet

Professorin Sudha Ram sieht in ihren eigenen, viel weitreichenderen Analysen keine Verletzung der Privatsphäre, sondern eine Chance, Studierende besser zu fördern. Auf ihren Algorithmus hat sie Patent angemeldet. Wie genau die Universitätsmitarbeiter in Arizona dafür sorgen sollen, dass Erstsemestler ihre Routine verbessern oder sich einen stabilen Freundeskreis suchen, sieht sie nicht als ihre Aufgabe. "Ich bin Professorin", sagt sie. "Ich betreibe die Forschung."

Im Oktober 2017 bekam Besendorf zum ersten Mal eine E-Mail von der Uni, in der stand, er solle seine Campuscard abholen. Er ignorierte alle Aufforderungen. Ein halbes Jahr später wurde sie ihm einfach zugeschickt, die alten Ausweise werden nicht mehr ausgegeben. Er hat sie nun doch im Geldbeutel und benutzt sie. Die Freiheit an der Universität, um die sich der Asta fürchtet, scheint – zumindest durch diese Karte – nicht verloren.