Vor 50 Jahren begann mit drei Tomaten die zweite große Frauenbewegung in Deutschland. Und jetzt? Sechs Forderungen an den Feminismus von morgen

1968, Frankfurt am Main: Helke Sander ist die einzige weibliche Rednerin auf der Delegiertenkonferenz des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes. Sie fragt nach Lösungen für Kinderbetreuung und Haushalt – und wird ignoriert. Ihre Mitstreiterin Sigrid Rüger will das nicht gelten lassen und feuert drei Tomaten aufs Podium. Damit beginnt die sogenannte zweite Welle der Frauenbewegung in Westdeutschland. Vier Jahre später findet der erste Bundesfrauenkongress mit 400 Teilnehmerinnen statt. Es folgen Demonstrationen für rechtliche Gleichstellung. Und in den Jahren danach wird Vergewaltigung in der Ehe zur Straftat erklärt, das Abtreibungsgesetz liberalisiert. Frauen gelten endlich als geschäftsfähig und besetzen politische Ämter. Also alles gut? Auf keinen Fall! Sechs Thesen, wie der Feminismus von morgen sein muss.

1. Der Feminismus muss eine wütende Bitch sein

Es ist nicht lange her, da gab es wütende Feministinnen. Sie nannten sich  "Rote Zora"  und kämpften gemeinsam im Widerstand. Was sie einte? Na ja, ihre Wut. Vor 50 Jahren entstand ein militanter Feminismus, einer, der gewaltbereit war und nicht davor zurückschreckte, mit Waffen gegen die Unterdrückung zu kämpfen. Linke Feministinnen zündeten staatliche Institutionen an, ließen Bomben hochgehen und attackierten ihre Systemgegner.

Diese Wut verschwand in den frühen Achtzigerjahren aus dem feministischen Kampf. Frauen, die sich heute für Gleichberechtigung einsetzen, tun dies oft stiller und vermittelnder. Es scheint, als haben viele sogar Angst davor, wütend das Wort zu erheben, wenn sie ungerecht behandelt werden. Doch das ist ein Problem. Es geht zwar nicht um Bomben, aber darum, aufzumucken.

Vieles ist erreicht worden, einiges besser geworden. Das Paradebeispiel: Deutschland hat eine Bundeskanzlerin. Oder: ein Gleichstellungsgesetz. Aber gleichzeitig ist vieles unzureichend. Der weibliche Körper ist immer noch Objekt, ein Gegenstand, der von Männern diskutiert und kontrolliert wird. Das aktuellste Beispiel ist wohl die Diskussion über den Paragraphen 219a, der es Frauenärzten verbietet, darüber zu informieren, dass sie Schwangerschaftsabbrüche durchführen. Frauen zu kriminalisieren, weil sie selbstbestimmt über ihre Schwangerschaft entscheiden wollen, wird damit wieder diskutabel. Waren wir nicht mal weiter? Sexuelle Gewalt, die sich seit Jahrzehnten durch eine ganze Branche zieht, wird unter #Metoo zum ersten Mal öffentlich. Und ein Minister kann noch immer ein Ministerium besetzen, ohne eine einzige Frau in der Führungsriege. Muss das nicht wütend machen?

Die Kolumnistin Margarete Stokowski schrieb genau darüber in ihrem Buch Untenrum frei. Sie erklärte, was Wut eigentlich will: Veränderung. Veränderung heißt immer Kampf – und Kämpfe müssen wehtun. Wer Veränderung will, muss sich streiten, Positionen aushandeln, sich reiben. Der Kampf muss laut sein und dreckig, auch ausarten dürfen. Das ist das Wesen von Kämpfen. Keine Revolution ist dabei je ohne Wut ausgekommen. Auch der Feminismus wird es nicht.

Anleitungen zum wütend sein gibt es genug – und Gründe auch. Die Wissenschaftlerin und Rapperin Reyhan Şahin nennt die nötige Haltung und Lebenseinstellung dafür "Bitchsm". Sie appelliert, selbstbewusst durchs Leben zu gehen, sexuell aggressiv und wütend zu sein. Also eine Bitch im positiven Sinne. Şahin schrieb ein Buch dazu mit dem brüllenden Titel: Du hast es nicht verstanden, Ficker!

Diese Form von Kommunikation ist es, die wir in Zukunft brauchen. In politischen Debatten müssen mehr Tomaten fliegen, höfliche Worte haben ausgedient. Teilhabe muss radikal formuliert und eingefordert werden, auch im Alltag. Wer Übergriffe von Männern beobachtet, muss laut werden und Betroffene unterstützen. Wer in Diskussionen nicht ernst genommen wird, muss unermüdlich einfordern, gleichberechtigt zu sein. Und wer sein Recht auf Selbstbestimmung in Gefahr sieht, muss auf die Straße gehen und kämpfen. Denn: Der Feminismus muss eine anstrengende, wütende Bitch sein. Nur wer aneckt und unbequem ist, wird gewinnen.

Erica Zingher