Die Polizei hat begonnen, im Hambacher Forst zu räumen. Die Aktivistinnen kündigen gewaltfreien Widerstand an. Aber was bedeutet das konkret? Ein Anruf im Baumhaus

Das Braunkohlerevier Hambacher Forst im Rheinland ist zum Symbol geworden für den Klimaaktivismus in Europa. Seit 2012 campieren verschiedene Gruppen in Baumhäusern auf bis zu 25 Metern Höhe, um eine Rodung durch den Energiekonzern RWE zu verhindern. Mehrere Hundertschaften der Polizei haben am Donnerstagmorgen mit der Räumung begonnen. CDU-Landesinnenminister Herbert Reul hatte im Vorfeld vor "extrem gewaltbereiten Linksextremen" gewarnt. Die Aktivistinnen selbst sagten, sie wollten gewaltfreien Widerstand leisten. Einer von ihnen ist ein Biologiestudent, der sich Strobo nennt. Seit einem Jahr ist er als Aktivist im Hambacher Forst aktiv. Er hat mehrere Häuser mitgebaut. Derzeit sitzt er mit neun weiteren Aktivisten in einem der Baumhäuser. ZEIT Campus ONLINE hat ihn telefonisch am Donnerstag erreicht.

ZEIT Campus ONLINE: Strobo, die Polizei hat mit der Räumung begonnen. Wo bist du gerade?

Strobo: Ich bin in meinem Baumhausdorf, sitze also gerade oben in den Bäumen auf einer Plattform. Ich befinde mich hier an einem Ort, an dem die Polizei bisher noch nicht aufgetaucht ist. Darum ist es hier noch relativ ruhig und wir können uns frei bewegen. Ich weiß aber, dass die Polizei schon anfängt, an anderen Stellen zu räumen, und habe gehört, dass auch schon Leute aus dem Wald geschleift wurden – das waren Leute, die auf dem Boden unterwegs waren. Soweit ich weiß, haben sie noch keine Leute von den Baumhäusern runtergeholt. Aber das ist dann eben der nächste Schritt.

ZEIT Campus ONLINE: Was hast du als Nächstes vor?

Strobo: Ich will jetzt gleich mal runterklettern und schauen, was unten so los ist, und mich vorsichtig annähern, die Lage checken. Aber ich darf mich nicht zu weit entfernen. Wenn die Polizei hier bei uns in dem Baumhausdorf ankommt, will ich auf jeden Fall in meinem Baumhaus sein. Ich will hier sein, um gewaltlosen Widerstand zu leisten. Das ist unser Ziel.

ZEIT Campus ONLINE: Wie sieht dieser gewaltlose Widerstand aus?

Strobo: In meinem Fall werde ich mich mit anderen zusammenketten – oben in einem Baumhaus, um die Polizei am Räumen zu hindern. Das ist auch insgesamt eine sehr beliebte Methode. Andere wollen in die höchste Krone klettern, beziehungsweise zwischen verschiedenen Bäumen hin und her klettern, um es den Polizisten schwer zu machen, sie zu schnappen. Am Boden gibt es wiederum andere Wege, die Räumung aufzuhalten. Zum Beispiel große Holzdreibeine bis zu zehn Metern Höhe, die auf den Wegen stehen und wo sich auch Menschen draufhocken oder mit Hängematten drinhängen, um die Maschinen daran zu hindern, voranzukommen. Es geht dabei meistens um den Einsatz des eigenen Körpers, beziehungsweise darum, den Polizisten den Zugang zu dem eigenen Körper so lange wie möglich zu entziehen. Ich bin hier, um meinen Körper der Räumung entgegenzusetzen.

ZEIT Campus ONLINE: Das klingt gefährlich. Macht dir das keine Angst?

Strobo: Die Vorstellung, mich hier auf dem Baumhaus festzuketten, ist für mich natürlich schon beängstigend. Mein Wunsch danach, diesen Wald zu verteidigen und Braunkohle und dem Klimawandel ein Ende zu setzen, ist größer. Die Angst davor, dass unser Planet zerstört wird und nicht mehr wiederzuerkennen ist, es uns nicht mehr möglich ist, hier zu leben, ist größer als meine Angst davor, körperliche Schmerzen zu erfahren.