Junge Frauen lassen auf Instagram ihre Magersucht begehrenswert aussehen – und disziplinieren sich in WhatsApp-Gruppen gegenseitig zum Hungern. Ein Einblick in Pro-Ana

Mit dem Pausenbrot fing es an. Frischkäse und Wurst waren drauf, als Lena* sich entschied, es nicht mehr zu essen. Wenn sie ihre Brotdose voll mit nach Hause bringen würde, dachte Lena, müssten sich ihre Eltern Sorgen machen. Sie müssten fragen: "Warum isst du nicht? Du bist eh schon zu dünn." Damals, mit 17, als die Freundschaft zu Ana anfing, war Lena schon groß, größer als die meisten Mädchen in ihrer Klasse. Und sie war schon sehr schlank.

Doch die Fragen ihrer Eltern kamen nicht. Sie kümmerten sich viel um ihren kleinen Bruder, mit Verdacht auf ADHS. Lena hingegen musste funktionieren, glaubte sie. Sie beschwerte sich nicht. Auch nicht darüber, was in der Schule los war. Darüber, dass ihre Klassenkameraden an manchen Tagen gar nicht mit ihr sprachen und sie an anderen beschimpften. Dass sie Lenas Schultasche aus dem obersten Stock warfen, dass sie Lena traten oder vor Wände schubsten. Sie fühlte sich einsam, unwichtig, unsichtbar. Sie konnte eine Freundin gut gebrauchen. Dann traf sie Ana.

Ende 2015 setzte sich Lena vor ihren Computer und tippte in die Suchmaschine: Tipps zum Abnehmen. Mit nur wenigen Klicks gelangte sie auf eine Website, auf der sie sich seitenlang durch Bilder scrollte. Die Frauen dort waren so dünn, dass ihre Knochen spitz hervorstachen; ihre Gesichter waren eingefallen, die Augen wirkten riesig. Sie waren magersüchtig. Lena fand sie wunderschön. "Genau so. So will ich aussehen", dachte sie.

Die Tipps kamen von Ana

Neben den Bildern fand Lena auch Tipps zum Hungern: "Esst von dunklen Tellern, weil die Essensportion darauf größer aussieht." Tipps zum Lügen: "Sagt, dass ihr schon gegessen habt, wenn ihr eingeladen seid." Und sie findet Ana. Ana schreibt viel: Anas Briefe, Anas 10 Gebote und Anas 7 Todsünden – Regelwerke für alle, die Teil der Gemeinschaft werden wollen. Teil von Pro-Ana. So fing es an mit Lenas Magersucht.

Die Bewegung Pro-Ana gibt es seit Anfang der Nullerjahre im Netz. Es sind Websites, die hauptsächlich aus einem Forum bestehen, in denen sich die "Anas" (abgeleitet von Anorexia nervosa) und "Mias" (abgeleitet von Bulimia nervosa) gegenseitig zum Hungern anspornen und Essstörungen zum Lifestyle erheben. Im Internet wird eine Sehnsucht nach Kontrolle und Disziplin der Erkrankten in der dominanten und fordernden Figur Ana personifiziert. "Ich werde dich an deine Grenzen treiben", schreibt sie in einem ihrer Briefe. Und: "Vergiss jeden, der versucht, mich dir wegzunehmen. Ich bin dein größter Schatz und ich habe die Absicht, dass das auch so bleibt." Als die ersten Seiten auftauchten, begannen Jugendschützerinnen und -schützer, sie aktiv zu bekämpfen und löschen zu lassen. Doch Ana verschwand nicht – neue Seiten ihrer Anhängerinnen waren immer wieder mit wenigen Klicks über Suchmaschinen erreichbar. Auch Lena fand sie trotzdem. Inzwischen hat Pro-Ana sich mit dem Internet weiterentwickelt. Heute dominieren nicht mehr Blogs und Foren die Szene, sondern Plattformen wie Instagram und WhatsApp. Und das macht das Phänomen gefährlicher.

Essstörungen wie Magersucht sind komplexe psychische Krankheiten mit zum Teil schwerwiegenden Folgen wie Depressionen, Lungeninfektionen, Herzrhythmus- und Elektrolytstörungen sowie Osteoporose. Und sie kann tödlich sein: Schätzungsweise zehn Prozent der Erkrankten sterben an den direkten Folgen. Langzeituntersuchungen haben gezeigt, dass an den Langzeitfolgen sogar bis zu 20 Prozent der Betroffenen sterben.

Den einen Grund, warum jemand beispielsweise an Magersucht oder Bulimie erkrankt, gibt es nicht. So führt auch nicht das Betrachten von Bildern essgestörter Menschen, wie Lena sie sah, allein in die Essstörung. Doch ist jemand bereits erkrankt oder aufgrund eines negativen Selbstbildes gefährdet, eine psychische Erkrankung zu entwickeln, können solche Bilder zum Auslöser werden.

"Menschen mit Essstörungserkrankungen sind sehr leicht zu beeindrucken und können sich daher nur schwer von ihrer Umgebung distanzieren", sagt Wally Wünsch-Leiteritz. Sie ist Ärztin und Vorsitzende des Bundesfachverbands für Essstörungen. Die Bilder besonders dünner Menschen erzeugten bei den Betroffenen vor allem den Druck, genauso aussehen zu müssen, um anerkannt oder beliebt zu sein, sagt sie. "Denn viele von ihnen haben aufgrund eines geringen Selbstwertgefühls große Schwierigkeiten, Aufmerksamkeit einfordern zu können."

Jeden Tag ein Body-Mass-Index-Ranking

Im Forum der Website las Lena, wie sich die selbst ernannten Pro-Anas über WhatsApp-Gruppen austauschten und neue Mitglieder suchten. Lena wollte dazugehören, noch mehr über Ana und ihre Anhänger erfahren – also trat sie einer der zahlreichen Gruppen bei. Den ganzen Tag gingen die Nachrichten zwischen den insgesamt zehn Teilnehmerinnen hin und her.

Es herrschten harte Regeln. Wer zu oft gegen sie verstieß, flog raus. Jeden Abend mussten die Mädchen schreiben, was sie gegessen und wie viel Sport sie getrieben hatten. Samstags und sonntags schickten sie jeweils ein Foto von den Gewichtsanzeigen auf den Waagen und eines von ihren Körpern. Mittwochs gab es ein BMI-Ranking: Jedes Gruppenmitglied schickte der Administratorin ihren aktuellen BMI (Body-Mass-Index) zu, die daraufhin aus allen Zahlen ein Ranking erstellte. Lena war immer an der Spitze. "Endlich die Beste", dachte sie. Die anderen Mädchen bewunderten Lena, baten um Diätratschläge. Sie fühlte sich aufgenommen, verstanden. Die Gruppe wurde zum Freundes- und Familienersatz. Hier musste Lena nicht viel erklären. "Ich dachte: Endlich einfach ich sein."

Wenn sie etwas essen wollte, schrieb sie ihren neuen Freundinnen. Und die antworteten mit Sätzen wie: "Wenn du das jetzt wirklich isst, musst du Gegenmaßnahmen ergreifen." "Gegenmaßnahmen" waren absichtliches Erbrechen, mehr Sport oder noch strikteres Hungern. Das half Lena, meistens hielt sie durch.