Franziska will ihre Bachelorarbeit über das Tabu der Menstruation schreiben. Doch an ihrer Hochschule wollte zunächst niemand die Arbeit betreuen.

 "Die Koordinatorin meiner Hochschule hat mir davon abgeraten, über solch abstruse Widerlichkeiten wie die Periode zu schreiben", schreibt Franziska Wartenberg Ende August auf Facebook. Sie erklärt, wie schwierig es war, einen Prüfer für ihre Bachelorarbeit zu finden. Der Post ging viral. "Hört auf, euch zu schämen, und schreibt Abschlussarbeiten darüber", sagt Franzi. Ihre Arbeit "Die Enttabuisierung eines Themas in Gesellschaft und Medien am Beispiel Menstruation" ist nun fertig.

ZEIT Campus ONLINE: Dein Post wurde inzwischen über 10.000-mal geteilt. Hast du damit gerechnet?

Franziska Wartenberg: Nein. So etwas habe ich noch nie erlebt. Aber es macht mich stolz und berührt mich, dass sich so viele Menschen für das Thema interessieren und ich einen kleinen Beitrag zur Aufklärung leisten kann. Ich glaube, ich habe einen Nerv getroffen. Nach einer Woche kamen schon die ersten Anfragen von Blogs, Studentenzeitschriften und Medien. 

Franziska Wartenberg ist 23 Jahre alt und hat Angewandte Medienwissenschaften in Mittweida (Sachsen) studiert. Im nächsten Jahr beginnt sie in Berlin einen Master in Gender-Studies. © Franziska Wartenberg

 ZEIT Campus ONLINE: Warum, glaubst du, ging der Post so viral?

Franziska: Ich glaube, dass viele Leute schockiert waren und sich verstanden fühlten. Sie haben vielleicht eigene Erfahrungen mit Scham und sind froh, dass jemand diesem Thema eine Plattform bietet. Einerseits leben wir in einer aufgeklärten Gesellschaft, andererseits ist es immer noch ein Tabuthema. Das hat weitreichende Folgen für Umwelt, Wirtschaft und Bildung. Ich glaube, dass viele jetzt erst bemerken, dass es wichtig ist, darüber zu sprechen.

 ZEIT Campus ONLINE: Was hat deiner Uni an dem Thema nicht gepasst?

Franziska: Die Koordinatorin meiner Hochschule sah in meinem Themenvorschlag weder Wissenschaftlichkeit noch Forschungslücke. Das war für mich schockierend. Ein genaueres Feedback habe ich nie erhalten. Ich könnte es mir auch mit der niedrigen Frauenquote unter den 27 Prüfer und Prüferinnen erklären, nur zwei davon waren weiblich. Vermutlich haben sich die männlichen Prüfer für das Thema nicht verantwortlich gefühlt.

 ZEIT Campus ONLINE: Was hast du dann gemacht?

Franziska: Glücklicherweise meldete sich etwas später eine Prüferin zurück, deren Kontingent an Studentenbetreuungen eigentlich schon voll war. Sie war zum Schluss sehr froh über die Zusammenarbeit und hat mir eine sehr gute Note gegeben.

 ZEIT Campus ONLINE: Wie kamst du auf das Thema?

Franziska: Die schwedische Autorin und Comiczeichnerin Liv Strömquist hat in ihrem Buch Der Ursprung der Welt ein Kapitel der Menstruation gewidmet. Ich habe mich selbst dabei ertappt, wie unangenehm ich das Kapitel fand, und musste lachen, wie seltsam verkrampft wir mit dem Thema in der Gesellschaft umgehen. Das war meine Inspiration. Das hört sich so abwegig an, dabei betrifft es die Hälfte der Weltbevölkerung.

 ZEIT Campus ONLINE: Was begeistert dich an dem Thema?

Franziska: Ich begeistere mich für Themen des modernen Feminismus, weil ich sie überfällig finde. Wenn man sich erst mal mit Menstruation beschäftigt, wird die gesamtgesellschaftliche Bedeutung sichtbar. 40 Prozent der Mädchen in Westafrika gehen mindestens einen Tag im Monat nicht zur Schule aufgrund fehlender Möglichkeiten für Monatshygiene oder kulturellen Ausschlussritualen. Auch in Deutschland gehen viele Frauen nicht zur Arbeit oder bleiben Veranstaltungen fern – aus Scham. Das hat große Auswirkungen auf die soziale und finanzielle Stellung der Frau. Außerdem war ich erschrocken, wie viele Mythen und Irrglauben noch immer bestehen: In Bolivien glauben viele noch immer, dass durch das Wechseln von Menstruationsprodukten Krankheiten wie Krebs verbreitet werden. In Nepal und Indien werden Mädchen für die Dauer der Menstruation in bestimmte Hütten geschickt. Auch wenn es manchen peinlich ist, finde ich es sehr wichtig, über all das zu sprechen.

 ZEIT Campus ONLINE: Ist es dir selbst noch peinlich?

Franziska: Meine Eltern haben mich sehr offen erzogen. Durch meine Arbeit habe ich die Scham komplett ablegen können. Ich kann es nun auf wissenschaftlicher Ebene diskutieren.