Als Reaktion auf die Finanzkrise besetzten Tausende junge Menschen die Wall Street. Was ist aus Occupy geworden? Ein Gespräch über Aktivismus, Freundschaft und Politik

Wann genau Occupy Wall Street endete, lässt sich schwierig bestimmen. Zu schnell, da sind sich die meisten Teilnehmenden einig. Nie, behaupten manche. Irgendwann jedenfalls war die kollektive Nostalgie größer als die Bewegung.

Der Beginn lässt sich einfacher datieren: Am 17. September 2011 strömten erst Hunderte, später Tausende ins Finanzviertel von Manhattan, die Protestler besetzten den Zuccotti-Park, einen nicht allzu großen Platz zwischen Ground Zero und Wall Street. Sie bauten Zelte auf, organisierten Märsche, Tag für Tag demonstrierten sie gegen die wachsende Ungleichheit und die Macht der Banken.

Die drei Journalistinnen Sarah Leonard, John Knefel und Natasha Lennard waren damals von Beginn an dabei. Alle drei standen am Anfang ihrer Karrieren, für alle drei war Occupy ein Zündungsmoment. Sie lernten sich in dieser Zeit kennen und sind bis heute Freunde. Fast auf den Tag genau sieben Jahre liegt der Beginn der Besetzung nun zurück. Ein guter Zeitpunkt, um sich zu erinnern.

Das Gespräch findet in der Wohnung von Natasha Lennard und Lukas Hermsmeier in Bed-Stuy, Brooklyn, statt. Draußen nieselt es, drinnen stehen Rosé, Bier und Nachos auf dem Tisch.

ZEIT Campus ONLINE: Gehen wir zurück in den September 2011. Wie habt ihr damals von Occupy Wall Street erfahren?

Natasha Lennard: Das Magazin Adbusters hatte im Juli ja diese Massen-E-Mail herausgeschickt. Ein Aufruf zur Besetzung, was aber zunächst nur eine grobe Idee war. Ich habe in den Wochen darauf dann an vielen Planungstreffen in Manhattan und Brooklyn teilgenommen. Aktivisten aus verschiedenen Kreisen haben sich immer wieder versammelt, um das Wie zu besprechen. Wichtiger als der Adbusters-Aufruf waren aber die Protestvorbilder des Arabischen Frühlings und aus Europa.

Sarah Leonard: Bei mir war es ein Freund, der mir ein paar Tage vor dem 17. September Bescheid gegeben hat. Ich war zunächst skeptisch, habe ihm aber vertraut. Also sind wir am ersten Tag zusammen zum Zuccotti-Park gelaufen.

ZEIT Campus ONLINE: Was war dein erster Eindruck?

Leonard: Ich weiß noch genau, in welcher Situation ich kapiert habe, dass hier etwas Besonderes entsteht: Ein paar Collegestudenten waren gerade angekommen und räumten ihre Transporter aus. Alles Mögliche an Kram. Sie waren durchs halbe Land gereist, und es war ziemlich offensichtlich, dass sie gekommen waren, um zu bleiben.

ZEIT Campus ONLINE: Und bei dir, John?

John Knefel: Ich habe im Laufe des Septembers davon gehört, dass in Downtown Manhattan etwas steigen wird. Am dritten Tag der Besetzung bin ich dann zum Park – und habe auch sofort gespürt, dass es sich anders anfühlt als jeder andere Protest, bei dem ich je gewesen war.

Sarah Leonard ist Chefredakteurin der Onlineplattform "The Appeal". Die 30-Jährige erklärt in Büchern und Artikeln für zwischenzeitlich die "New York Times", warum den USA Sozialismus guttun würde. © Karina Rozwadowska für ZEIT ONLINE

ZEIT Campus ONLINE: Habt ihr euch mehr als Beobachter oder mehr als Teilnehmer gefühlt?

Leonard: Ich habe zu der Zeit für Dissent gearbeitet, ein linkes Magazin, das gar nicht erst vorgibt, neutral zu sein. Ich konnte also Beobachter und Teilnehmer zugleich sein. Es wurde in gewisser Weise sogar von mir erwartet. Wenn es möglich war, habe ich mich auch an Aktionen beteiligt, wenn es zum Beispiel darum ging, das Camp vor der Polizei zu schützen. 

ZEIT Campus ONLINE: Natasha, du hast mal in einem Artikel für The Intercept geschrieben, dass Occupy für dich später begann, nämlich am 1. Oktober. Warum an diesem Tag?

Lennard: Das war der Tag, an dem über 700 Menschen auf der Brooklyn Bridge festgenommen wurden. Es war ein neues Level der Intensität. Diese Energie. Das Risiko, das viele eingegangen sind. Der 1. Oktober war auch deshalb entscheidend, weil er die Initialzündung für viele Proteste in anderen Städten der USA war. 

ZEIT Campus ONLINE: Du warst eine der 700 Festgenommenen auf der Brooklyn Bridge. Was entsprechend hohe Wellen schlug, weil du damals für die New York Times als freie Reporterin im Einsatz warst.

Lennard: Wenn ich ehrlich bin, wusste ich, dass der Zeitpunkt irgendwann kommen würde, an dem der Spagat nicht mehr funktioniert. Ich war Teil der Protestbewegung, und das stand im Widerspruch zu dem, was die Times von einer Journalistin erwartete. Ich wollte nicht länger Neutralität performen müssen, insofern war es nur logisch, dass ich von da an nicht mehr für sie geschrieben habe.

ZEIT Campus ONLINE: Abgesehen davon: Wie sah der Occupy-Alltag für euch aus?

Knefel: Ich bin meist gegen Nachmittag oder Abend zum Park. Man kam sofort mit den Leuten, oft mit Wildfremden, ins Gespräch. Ich weiß noch, wie ich einmal ankam und ein Typ, er hieß Brent oder so, ganz hektisch rief: "Hast du gehört? Es gibt jetzt überall Camps! In Iowa, Minnesota, überall neue Camps!"

Leonard: Irgendwelche Diskussionen oder Aktionen fanden immer statt. Und es gab eine eigene Zeitung, die Occupy Gazette, um die ich mich gekümmert habe.

Lennard: Ach, stimmt! Für die habe ich auch geschrieben, weißt du noch?

Leonard: Natürlich. Es war eine interessante Mischung. Leute wie Natasha, ausgezeichnete Autoren. Und Leute, die keine Schreiberfahrung, aber trotzdem was zu sagen hatten. Es war allerdings auch eine anstrengende Zeit. Ich hatte nie solch einen Schlafmangel wie in diesen Monaten.

Lennard: Es waren nur ein paar Monate, aber es fühlte sich wie ein ganzes Leben an. Es ging um eine neue Form der Politik. Und um die fast unmögliche Herausforderung, in einer Stadt wie New York, in der normalerweise alles dem Fluss des Kapitals unterliegt, Raum dauerhaft einzunehmen.

ZEIT Campus ONLINE: Kannte man mit der Zeit alle Besetzer?

Knefel: Nicht jeden, aber viele. Und nach und nach hat man auch die Leute getroffen, die man bislang nur über Twitter kannte.

ZEIT Campus ONLINE: Im Oktober fand dann das berüchtigte Occupy-Panel des Magazins Jacobin statt. Später berichtete sogar Breitbart über diese Podiumsdiskussion. Auf der einen Seite saßen die Anarchisten, auf der anderen Seite die Sozialisten. Du, Natasha, gehörtest zur Fraktion der Anarchisten. Und du, Sarah, saßt im Publikum. Was war dein Eindruck?

Leonard: Das Panel war exemplarisch für eine größere Debatte, die zu dieser Zeit stattfand: Zwischen Sozialisten, die auf traditionellere Weise organisieren wollten, und Anarchisten, die dekonstruktivistischer dachten und davor warnten, in alte Machtstrukturen zurückzufallen. Es ging um verschiedene Methoden und Ansätze. An einem Punkt, als der Vorschlag im Raum stand, auch in den Schulen New Yorks Leute zu mobilisieren, meinte Natasha, dass Schulen im Kapitalismus so etwas wie Bibliotheken im Gefängnis seien. Zitiere ich dich richtig? Ich habe für die Occupy Gazette jedenfalls einen Text aus der sozialistischen Perspektive geschrieben, in dem ich die Haltung der Anarchisten kritisiert habe.