Ofir zog von Israel nach Deutschland. Maya ging von Deutschland nach Israel. Er fühlt sich seither freier. Sie würde nie wieder zurückkehren. Warum?

Eingeschlagene Fensterscheiben in einem jüdischen Restaurant, verbale Angriffe und Gürtelschläge auf offener Straße – die Zahl antisemitischer Delikte nimmt laut Innenministerium aktuell in Deutschland zu. Viele Jüdinnen und Juden denken darüber nach, Deutschland zu verlassen. Gleichzeitig ist Deutschland, vor allem Berlin, bei jungen Israelis so beliebt wie nie. Warum wollen sie trotz judenfeindlicher Angriffe hierherziehen? Ofir Katz lebt seit einem Jahr in Berlin. Maya Rosenfeld ist nach Israel auswandert. ZEIT Campus ONLINE hat mit den beiden via Skype über jüdisches Leben in Deutschland und Israel gesprochen und darüber, was sie sich von ihren neuen Leben erhoffen.

ZEIT Campus ONLINE: Maya, du bist vor zwei Jahren nach Israel ausgewandert und Ofir, du vor einem Jahr nach Deutschland. Wann ist euch so richtig bewusst geworden, dass ihr jetzt in einem anderen Land lebt?

Maya: Als ich zum ersten Mal an der Uni den Davidstern an der Wand gesehen habe, dachte ich: Wow, jetzt lebe ich in einem Land, wo jüdisch zu sein nichts Außergewöhnliches ist. Das hat sich befreiend angefühlt. 

Ofir: Neulich habe ich etwas sehr Deutsches gemacht: Ich habe jemanden darauf hingewiesen, dass er etwas Verbotenes tut. Ich war in einer Berliner Bar, in der ein Typ andauernd Fotos gemacht hat. Dabei hingen überall diese Verbotssymbole. Ich habe ihm dann gesagt, dass er das Fotografieren lieber lassen sollte, weil die Betreiber da streng sind. Da dachte ich: Jetzt lebe ich wirklich in Deutschland.

ZEIT Campus ONLINE: Warum habt ihr beschlossen auszuwandern? 

Maya: Eigentlich war ich nie daran interessiert, nach Israel zu ziehen. Ich bin in Köln aufgewachsen, ein Teil meiner Verwandtschaft lebt in Tel Aviv. Zwei- bis dreimal im Jahr haben wir sie besucht. Das hat mich irgendwann gelangweilt. Mit 16 habe ich Israel als Urlaubsziel gehasst, weil ich lieber in Spanien oder Italien Urlaub gemacht hätte. Mein Sinneswandel kam während eines Praktikums, das ich nach dem Abi bei einem Fernsehsender gemacht habe. Die Mitarbeiter stellten mir viele Fragen zum Judentum. Ich wollte aber irgendwann nicht mehr erklären, warum es den Sabbat gibt oder ich Masel tov sage, um jemandem Glück zu wünschen. Es war anstrengend, ständig diese Antworten geben zu müssen; ich bekam das Gefühl, als Jüdin nicht normal zu sein. Dann dachte ich: Okay, dann geh ich in ein Land, wo ich akzeptiert bin. Jetzt kann ich meine Familie in Tel Aviv sehen und lebe dort, wo ich nie wieder Fragen zum Judentum beantworten muss.

ZEIT Campus ONLINE: Wie war das bei dir, Ofir?

Ofir: In Jerusalem habe ich in der Tech-Branche gearbeitet und war nebenbei in der Politik aktiv. Vor drei Jahren habe ich dann auf einer politischen Veranstaltung meinen Freund kennengelernt. Er kommt eigentlich aus Deutschland, hat aber in Israel studiert und für eine deutsche Nichtregierungsorganisation gearbeitet. Wir hatten ein paar Dates und sind später in Jerusalem zusammengezogen. Als er mit dem Studium fertig war, gab es Probleme mit seinem Visum. Er ist nicht jüdisch, darum ist es sehr schwierig, eine Aufenthaltsgenehmigung für Israel zu bekommen, geschweige denn die Staatsbürgerschaft. Wir haben dann überlegt, dass auch ein gemeinsames Leben in Deutschland eine gute Option wäre. Ich konnte mir dafür keine andere Stadt als Berlin vorstellen.

ZEIT Campus ONLINE: Warum? 

Ofir: Wenn man kein Deutsch spricht, ist Berlin ein guter Start. Die Stadt ist sehr international. Ich hatte auch die Hoffnung, günstiger zu leben, denn Israel ist super teuer. Und klar, Berlin gilt auch als schwule Stadt. Ich habe mich darauf gefreut, ein bisschen freier zu sein. Das bin ich hier tatsächlich. Mit meinem Freund in Jerusalem zu leben, war nicht immer leicht. Da kannst du nicht Hände haltend durch die Straßen laufen, ohne blöd angemacht zu werden. Es ist aber schon fast zu einem Klischee in Israel geworden, nach Berlin zu ziehen.

Maya: Das mit dem Berlin-Klischee stimmt wirklich. Man hat den Eindruck, Israelis kennen keine andere Stadt. Da muss ich dann immer erst einmal erklären, dass es natürlich noch andere Städte noch gibt.

ZEIT Campus ONLINE: Welche Rolle spielt das Judentum in eurem Leben? 

Maya: Meine Eltern haben mich traditionell jüdisch erzogen.Wir machen jeden Freitag ein gemeinsames Sabbat-Essen, zünden Kerzen an und sagen die Gebete auf. Wir nutzen aber trotzdem Strom und fahren Auto, obwohl das gegen die religiösen Vorschriften verstößt. Es ist also eher eine Tradition für uns zu Hause. An wichtigen Feiertagen bin ich mit meiner Familie in die Synagoge gegangen, was ich auch in Israel noch mache. Und ich halte den Fastentag Jom Kippur ein, das aber als Einzige in meiner Familie.

Ofir: Meine Familie ist nicht religiös und ich bin es auch nicht. In Israel gibt es orthodoxe Schulen, religiöse Schulen und säkulare Schulen. Ich bin auf eine säkulare gegangen. Man lernt dort aus der Thora oder der Bibel, oder wie man an Jom Kippur fastet, aber eher im kulturellen Sinne.

Maya: Ich glaube, es gibt einen großen Unterschied zwischen den Lebensweisen innerhalb und außerhalb Israels. Ich wurde als Kind in Deutschland definitiv traditioneller erzogen als Kinder in Israel. Ich habe mit meinen jüdischen Freunden aus der Synagoge an Jom Kippur gefastet, um cool zu sein. Wir wollten der Welt zeigen, dass wir es geschafft haben, einen Tag lang nichts zu essen und zu trinken. Wenn man das mal nicht gemacht hat, hieß es gleich, man sei nicht jüdisch genug. In Israel ist das den meisten Leuten komplett egal. Die gehen nicht mal in die Synagoge. 

ZEIT Campus ONLINE: Bist du deshalb in Israel weniger religiös? 

Maya: Nein, definitiv nicht. Ich bleibe bei den Traditionen. Jeden Freitag esse ich gemeinsam mit meiner Familie und das wird auch für immer so bleiben. Super traditionell bin ich trotzdem nicht. Ich habe Freunde, die essen nur koscher – das würde ich niemals tun. Ich liebe Bacon und Cheeseburger. Da geh ich lieber einen Mittelweg und nehme die Seiten des Judentums, die ich mag.

Ofir:
In Berlin vermisse ich bestimmte jüdische Traditionen wie das Essen zum Neujahrsfest Rosch ha-Schana. Solche Traditionen haben auch immer etwas Gemeinschaftliches. Selbst wenn du in Israel an Jom Kippur nicht fastest, fährst du aus Respekt kein Auto. Tausende laufen durch die Straßen, wo sonst Verkehr ist. Das ist ein sehr besonderer Tag, den du hier in Deutschland nicht hast. In Berlin bemerkst du nicht, dass Jom Kippur ist. Das Judentum ist viel weniger sichtbar.

"Immer wenn ich von antisemitischen Angriffen höre, denke ich: Gut, dass ich hier bin."
Maya Rosenfeld

ZEIT Campus ONLINE: In den letzten Monaten gab es mehrere antisemitische Angriffe in Berlin, aber auch in anderen Teilen Deutschlands. Wie viel bekommt ihr davon mit? 

Maya: Mein Facebook-Feed war voll davon. Generell ist Facebook ein guter Kanal, um auch in Israel an solche Informationen zu kommen. Diese Nachrichten bestätigen mich darin, dass es richtig war, nach Israel zu gehen. Immer wenn ich von antisemitischen Angriffen höre, denke ich: Gut, dass ich hier bin.

Ofir: Ich habe aus den Nachrichten von den Übergriffen erfahren. Das ist wirklich schlimm. Es schockiert mich, dass sich die Angriffe gegen Leute richten, die schon immer hier leben. Wie in Chemnitz, wo die Scheiben eines jüdischen Restaurants eingeworfen wurden. Die Familie betreibt ihr Lokal seit Generationen. Die Richtung, in die sich Deutschland bewegt, ängstigt mich. Ich lebe hier und plane auch, erst einmal zu bleiben. Da ist es schon ein wenig alarmierend, so etwas mitzubekommen. Es scheint mir, als wären die Gegenreaktionen nicht stark genug – nicht von der Bevölkerung und auch nicht vom Staat.

 ZEIT Campus ONLINE: Hast du dir vor dem Auswandern Gedanken über Antisemitismus gemacht? 

Ofir: Ich dachte, dass ich bestimmt die eine oder andere Erfahrung machen würde. Meine Familie hatte Sorge, dass die Deutschen noch immer antisemitisch sind. Es gibt Gerüchte, dass bestimmte Gegenden in Berlin-Neukölln No-go-Areas für Juden seien. Aber das ist meiner Erfahrung nach kompletter Blödsinn.