Marius Brey wollte nach dem Abi nur weg aus seiner Heimat, wo die CSU das Sagen hat. Jetzt ist er zurück: Er will in den Landtag – für die Linke. Hat er eine Chance?

Marius Josef Brey hat das Talent, sich da hinzustellen, wo er auf den ersten Blick nicht hinpasst. An einem Dienstagnachmittag kurz vor der Landtagswahl steht er an einem Infostand in Amberg, einer kleinen Stadt in der Oberpfalz, mit CSU-Bürgermeister und mittelalterlicher Stadtmauer. Marius ist ein junger Mann mit einem schwarzen Tunnel im linken Ohr, bis zum Frühling waren seine Haare noch wasserstoffblond und seine Fingernägel schwarz lackiert. Eigentlich lebt er in Berlin. Und er will in den Landtag – für die Linke.

Das Durchschnittsalter unter den Kandidaten der bayerischen Landtagswahl liegt bei 50. Marius ist 22. In der Amberger Altstadt steht Marius nun mit Pullunder und Hemd und dunkelblondem Seitenscheitel. Er läuft in der Fußgängerzone hin und her, verteilt sein Wahlprogramm (gebührenfreie Kitas, Wählen ab 16, mehr Pfleger) und raucht nur, wenn gerade keine Wähler in der Nähe sind. Denn Mentholzigaretten kommen ja nicht mal bei den Rauchern gut an.

Marius kandidiert ausgerechnet im Landkreis Cham, einer der konservativsten Regionen im ohnehin konservativen Bayern. 2013 kam die Linke bei der Landtagswahl hier auf 1,4 Prozent. Jetzt ist er für die Oberpfalz der Spitzenkandidat, auf Listenplatz eins. Damit hat er eine kleine Chance, trotz seines schwarzen Wahlkreises in den Landtag zu kommen – falls es die Linke am Sonntag über die Fünfprozenthürde schafft. Laut der Vorwahlumfragen wird es knapp, die Werte schwanken um die 4,5 Prozent. Es wäre das erste Mal, dass die Linke in den bayerischen Landtag einzieht.

Lieblingsthema Rente

Marius Lieblingsthema ist die Rente: Er will eine solidarische Mindestrente von 1.050 Euro im Monat, das Rentenniveau auf 53 Prozent anheben und die Rente ab 65 Jahren. Darüber würde er jetzt gerne sprechen, aber er kommt nicht zu Wort.

Er steht unter der roten Plane seines Infostands und führt ein sehr einseitiges Gespräch mit einem Mann in roter Jacke. Der Mann hätte früher zur Stammwählerschaft der Linken gehört: ein ehemaliger Fabrikarbeiter, der sich lange von einem Zeitarbeitsjob zum nächsten hangelte und nach einer Verletzung rausgeschmissen wurde, weil er seitdem nur noch fünf Kilo heben kann. Jetzt ist er arbeitslos, bis zur Rente ist es noch ein Jahr.

Marius würde ihm gerne die Haltung der Linken zur Rente erklären. Er setzt immer wieder zum Sprechen an, kommt aber nicht weiter als ein, zwei Sätze. Am Infostand ist auch ein älterer Genosse, der sich in das Gespräch mit dem Fabrikarbeiter einmischt. Zwei grauhaarige Männer unter sich, während Marius daneben steht. Dabei wäre Marius am liebsten der Rentenbeauftragte der Linken. Als er das einer Freundin erzählte, sagte sie zu ihm: "Marius, mit 22 wählt dich niemand zum Rentenbeauftragten."

Mit 18 wollte Marius nur weg aus dem Landkreis, in dem er heute kandidiert. Sein Heimatort Chamerau mit rund 2.600 Einwohnern war ihm zu spießig. "Mir ging total viel auf die Nerven, die engstirnigen Leute", erzählt er. "Ich dachte mir, was will ich hier als junger Linker? Ich komme hier nicht von A nach B, es gibt keine Angebote, keine Arbeit für mich." Er war damals schon politisch aktiv, war Mitglied der Piratenpartei, aber schon bald enttäuscht davon, dass sich die direkte Demokratie dort auf Meinungsumfragen beschränkt. Die wichtigen Entscheidungen werden trotz aller Versprechen auf den Parteitagen getroffen. Marius fühlte sich einsam als Linker auf dem Dorf, er wollte "dorthin, wo Politik gemacht wird". Damals war das für ihn noch Berlin.

Also zog er nach Berlin, machte ein freiwilliges Jahr bei einer Umwelt-NGO, begann Politikwissenschaft zu studieren. In Berlin steht die Linke in Umfragen an Platz eins der Parteien, bei 22 Prozent. "Paradiesisch", sagt Marius. Er war auf einmal von jungen, alternativ denkenden Studenten umgeben. Er trat der Linkspartei bei und fühlte sich wohl im Paradies. Erst mal.