Die ungarische Regierung hat zwei Masterstudiengänge in Geschlechterforschung verboten. Und jetzt? Drei Studierende erzählen, was das für sie bedeutet – und für das Land.

Am 12. Oktober veröffentlichte die ungarische Regierung eine Liste von zugelassenen Studiengängen, aus der das Fach Gender-Studies – auf Deutsch Geschlechterforschung – verschwunden war. Erst Tage später wurden Professorinnen und Studierende darauf aufmerksam. Die offizielle Begründung der Regierung ist, dass es auf dem Arbeitsmarkt keine Nachfrage nach Absolventinnen und Absolventen gebe.

Der Schritt passt in die Politik von Ministerpräsident Viktor Orbán: Seine Unterstützer und er träumen von einer durch und durch konservativen Gesellschaft – und arbeiten an ihrer Umsetzung, auch über Bildungspolitik. Für Schulen gibt es einen einheitlichen Nationalen Lehrplan, der ein eindeutiges Familienbild propagiert: Mann, Frau, Kinder. Der Geschlechterforschung hatten Regierungsvertreter immer wieder vorgeworfen, dieses Bild untergraben zu wollen.

In Ungarn bieten zwei Universitäten Masterstudiengänge in Geschlechterforschung an: die staatliche Eötvös-Loránd-Universität (ELTE) und die private Central European University (CEU). Wer momentan an der ELTE studiert, darf sein Studium abschließen; neue Studierende dürfen aber nicht mehr aufgenommen werden. Das zweijährige Programm an der CEU ist in Ungarn und in den USA akkreditiert, die ungarische Akkreditierung wurde der Uni nun entzogen. Für künftige Studierende bedeutet das, dass sie nur noch ein amerikanisches Diplom bekommen. Der einjährige Masterkurs und die Doktorandenprogramme sind schon jetzt nur in den USA akkreditiert.

Für alle eingeschriebenen Studierenden hat das De-facto-Verbot also keine direkten Konsequenzen. Aber was die Regierung gemacht hat, lässt sie dennoch wütend, traurig, entsetzt zurück. ZEIT Campus ONLINE hat mit drei von ihnen gesprochen.

"Orbán will keine Berufstätigen, die über die Geschlechterungleichheit in diesem Land Bescheid wissen"

"Mit dem Verbot zeigt die Regierung, wie wichtig es ist, für Geschlechtergerechtigkeit zu kämpfen. Sie begründete die Entscheidung unter anderem damit, dass sich Geschlechterforschung wirtschaftlich nicht lohne, dass die Absolventen keine Jobs finden würden. Aber erstens gibt es unseren Studiengang an der ELTE-Univestität erst seit 2017, bisher hat noch niemand einen Abschluss gemacht. Und zweitens sind viele andere Wissenschaftsgebiete auch nicht unbedingt wirtschaftlich sinnvoll, aber die verbietet die Regierung nicht.

Ich glaube, Orbán will nur keine Berufstätigen, keine Wissenschaftler, die über die Geschlechterungleichheit in diesem Land Bescheid wissen – und dagegen kämpfen könnten.

Geschlechterforschung ist ein international anerkanntes Wissenschaftsgebiet, sie erforscht eine der wichtigsten Ungleichheiten, die zwischen Mann und Frau. Mir persönlich hat sie geholfen, die Welt zu verstehen, Unterdrückung zu verstehen. Natürlich, man wird auch in Zukunft Geschlechterforschung studieren können, aber nicht auf Ungarisch und oft mit einer eher amerikanischen Perspektive. Das Besondere an dem Programm der ELTE ist, dass es versucht, einen osteuropäischen Fokus zu haben. Frauen in Osteuropa haben ganz andere Erfahrungen gemacht als die in Westeuropa oder den USA. Sie mussten immer arbeiten und sich um die Familie kümmern.

Dass mein Studiengang bald nicht mehr existieren wird, macht mich traurig – aber vor allem macht es mich wütend. Ich hoffe, aus dieser Wut wird eine Handlung, eine Aktion. Ich möchte etwas tun und unsere Arbeit fortführen, vielleicht außerhalb der Uni. Ich glaube, vielen anderen geht es ähnlich. Wir wollen etwas tun. Gleichzeitig fühlen wir uns machtlos, hoffnungslos.

Soweit ich weiß, plant meine Uni einen Tag, an dem Dozentinnen aus verschiedenen Fachbereichen Vorträge zu Geschlechterforschung halten, um zu zeigen, wie wichtig sie ist – und dass sie sich mit verschiedensten Bereichen überschneidet. Ich hoffe, dass es auch in Zukunft, nach dem Ende unseres Programms, Genderkurse geben wird.

Ich würde total gern in einem Bereich arbeiten, der sich mit Gender-Fragen beschäftigt. Und ich würde das auch gern hier tun. Ich sehe meine Zukunft in Ungarn – aber es wird schwieriger und schwieriger, sich diese Zukunft vorzustellen. Menschen wie ich, die sich für Genderthemen interessieren, werden hier nicht nur nicht gemocht, sie werden immer weniger toleriert."

Júlia studiert Geschlechterforschung an der ELTE. Sie ist 25 Jahre alt und kommt aus Budapest.