Ein Abiturient organisiert eine Klassenfahrt in den Hambacher Forst – weil er findet, dass es dort um die Zukunft seiner Generation geht. Aber interessiert die das?

Die Kämpfer haben Stullen dabei. Brote mit Camembert und Salat, dazu Cocktailtomaten, Apfelschnitze und Tuc-Kekse. Sie stecken in den Rucksäcken von Schülerinnen, Studierenden und Berufsschülern, die in Zweier-, Dreier- und Viererreihen vom Bahnhof in Buir rüber zum Hambacher Forst laufen. Manche halten ein Plakat: "Einhörner brauchen ihren Wald", "Fick dich ins Knie, Kohleenergie", "Hambi bleibt".

Ganz vorn läuft Carlos, strubbelige braune Haare, Trekkingschuhe. Sergio Carlos Quiñones Maletti, so heißt er mit vollem Namen, ist 19 Jahre alt, im Juni hat er Abi gemacht. Carlos hat sich diesen Ausflug ausgedacht und einen Großteil der Organisation übernommen. Waldspaziergang, Mittagessen, Workshops. Er nennt es: Hambifahrt.

Eine Klassenfahrt in den bedrohten Wald

Es ist Freitag. Vor genau einer Woche hat das Oberverwaltungsgericht Münster die Rodung des Hambacher Forsts durch den Energiekonzern RWE gestoppt. Doch der Kampf gehe weiter, sagt Carlos. "Es ist eine vorläufige Entscheidung, jetzt geht es darum, die Aufmerksamkeit zu halten." Carlos war während seiner Schulzeit schon politisch aktiv, der Hambacher Forst war für ihn dabei lange kein Thema. Doch dann sah er Aktivistinnen und Aktivisten, die sich nicht räumen ließen, er sah, wie sich ganz normale Bürger engagierten. "Das hat mich bewegt, mir die Frage zu stellen: Was kann ich machen?"

Deshalb macht er jetzt eine Klassenfahrt in den bedrohten Wald. Er wollte eine Aktion für junge Menschen organisieren, weil er zu denen Kontakt hat. Aber auch, weil er glaubt, dass der Hambacher Forst sie besonders angeht. "Der Hambi ist unsere Zukunft." Die Vorstände von RWE müssten mit den Schäden, die sie anrichten, nicht mehr leben. Er schon.

Carlos, 19, organisiert die Fahrt. © Sophia Schirmer

Carlos sprach mit Freunden, sie schrieben einen Aufruf zur "größten Klassenfahrt in der Geschichte der Bundesrepublik", Fremde stießen dazu, sie gründeten eine Zentrale Koordinierung, verbreiteten den Aufruf via Twitter, Facebook, Instagram und WhatsApp, trugen ihn an Schulen, Berufskollegien und Unis, trafen sich, diskutierten, verteilten Flyer. Zwei Wochen Organisation. Wie viele am Ende zur Hambifahrt kommen würden, wussten sie bis jetzt nicht.

Freitagmorgen, neun Uhr. Carlos steht vor dem Kölner Hauptbahnhof. Er hat zwei Stunden geschlafen, musste noch Workshops vorbereiten. "Es ist wichtig, ein Zeichen zu setzen", sagt er, "egal, wie viele kommen." Er klingt, als wolle er sich selbst Mut machen.

Doch sie kommen. Allein, zu zweit, in großen Gruppen. Fünf Schülerinnen und ein Schüler sind vom Bodensee angereist, sie saßen zehn Stunden im Flixbus. Sie hatten im Internet von der Hambifahrt gelesen und mit ihrer Lehrerin geredet: "Sie war begeistert und hat uns freigegeben – Waldorfschule halt." Zwei Lehrer vom Kölner Hansa-Gymnasium haben eine Exkursion für die Oberstufe angemeldet, 25 Zusagen. Ein Erstsemester aus Bonn ist gekommen, weil er wichtig findet, dass es neben den Großdemos der NGOs auch solche Aktionen gibt: "Die Jugend von heute ist aktiv, ihr nehmt sie nur nicht wahr." Drei Schülerinnen malen mit Kreide auf das dreckige Pflaster: "Plants are friends", "Hopp, hopp, Kohlestopp". Es kommen immer mehr Hambifahrer, manche haben grüne Haare, tragen Antifa-Pullis oder Regenbogenflaggen.

Carlos macht eine letzte Ansage: auf den Waldwegen bleiben, leise sein wegen der Tiere, Müll mitnehmen. Auf ihrer Facebook-Seite hatte sich eine Nutzerin über die Hambifahrt beschwert, sie sollen den Wald doch endlich zur Ruhe kommen lassen. Gerade nach der Großdemo am vergangenen Samstag hatte es Kritik gegeben. Carlos möchte, dass seine Klassenfahrt das besser macht.

Die größte Klassenfahrt der Republik passt in zwei S-Bahn-Waggons

Um 9.51 Uhr geht es hoch zu Gleis 11, der direkte Weg zum Hambacher Forst. Die größte Klassenfahrt der Bundesrepublik füllt jetzt zwei S-Bahn-Waggons. Später am Bahnhof in Buir und auf dem Weg zum Wald stoßen noch mehr Menschen dazu. Immer wieder klingelt Carlos' Handy, weil jemand wissen will, wo sie gerade sind. Seine Fleecejacke riecht nach Schweiß.

Eine Stunde später kommt die Gruppe an der Mahnwache an, die Aktivistinnen auf einem Feld vor dem Eingang zum Wald aufgebaut haben. 200 Hambifahrer sind jetzt da. Manche von ihnen waren schon öfter im Hambacher Forst, andere noch nie. Charleen zum Beispiel hat keine Ahnung, wie es im Wald aussieht. Sie hat gestern ihre Freistunde darauf verwendet, "Einhörner brauchen ihren Wald" auf einen Karton zu malen. Jetzt steht sie an der Mahnwache, obwohl ihre Schule sie nicht beurlaubt hat. Ihre Eltern finden okay, dass sie schwänzt: "Sie haben gesehen, dass es wichtig ist, dass wir uns für unsere Zukunft einsetzen."

Die Bezirksregierung Köln nennt Charleens Einsatz für die Zukunft "Schulpflichtverletzung", so steht es in einem Schreiben zur Hambifahrt. Dort heißt es auch, "Anträge auf Klassenfahrten bzw. Wandertage" in den Hambacher Forst sollten "angesichts der angespannten Sicherheitslage sorgfältig geprüft" werden. Carlos glaubt, dass das vielen Schulleitungen Angst gemacht hat. Die Idee war, dass sie die Hambifahrt entweder als Exkursion anerkennen – so wie am Hansa-Gymnasium – oder Schülerinnen beurlauben, wenn sie mitmachen wollen. Carlos betont mehrmals, dass sie nicht zum Schwänzen aufgerufen hätten.