Fünf bayerische Linke sprechen darüber, warum Bier und Revolution in Bayern so nah beieinander liegen, was Heimat für sie bedeutet und wie man mit Dialekt provoziert.

Das linke Bayern muss man sich vorstellen wie das Münchner Café Bellevue di Monaco: Leuchtende Buchstaben wie bei einem altehrwürdigen Kino begrüßen die Besucherinnen und Besucher von außen, innen stehen hellbraune Hipstermöbel und minimalistische Deko. Ein Münchner Café in bester – und teurer – Innenstadtlage, das aussieht, als würde hier die Schickeria ihre Espressi macchiato schlürfen. Dass hier alles im Zeichen der Flüchtlingsarbeit steht, sieht man dem Café nicht an. Auf den ersten Blick weisen nur ein paar Flyer auf die Beratungen, Kurse, Konzerte und anderen Angebote für Geflüchtete hin.

Unsichtbar – so ist Gegenkultur in Bayern meistens. Wer an Bayern denkt, der denkt an die CSU. Dabei gibt es sie durchaus, die linken, manchmal sogar anarchistischen Bayern. ZEIT Campus ONLINE hat sich mit fünf jungen Künstlerinnen und Aktivisten im Bellevue di Monaco getroffen, um zwei Stunden zu diskutieren und dieses linke, unbekannte Bayern sichtbar zu machen.

ZEIT Campus ONLINE: Julian, du engagierst dich in der Polizeiklasse. Ihr seid bayerische Aktivisten. Was macht ihr für Aktionen?

Julian: Meine Lieblingsaktion war der "Gedankengang" durch München. Das war kurz bevor das Polizeiaufgabengesetz verabschieden wurde. Wir sind mit 150 Menschen von der Staatskanzlei zum Landtag gelaufen, im Tempo von vier Schlägen pro Minute. Also wahnsinnig langsam, man hat die Bewegung fast nicht gesehen. Das beschreibt ganz gut, wie wir arbeiten: Wir hatten nichts, keine Plakate, und haben geschwiegen. Die Polizei hat uns begleitet.

ZEIT Campus ONLINE: Wie haben die Menschen reagiert?

Julian: Ganz viele haben uns angesprochen, sind von Cafés aufgestanden und haben gefragt: "Seid ihr ein Filmteam, was macht ihr, was macht ihr, was macht ihr?" Um die laufende Truppe herum wurden ein paar Flyer verteilt und die Leute in Gespräche verwickelt. Da wurde viel diskutiert, über das Polizeiaufgabengesetz aber auch generell über Politik. Das hat deswegen so gut funktioniert, weil die Leute uns nicht gleich in ein Raster stecken konnten. Sobald jemand von uns ein Schild gehabt hätte gegen das Polizeiaufgabengesetz, hätten die Menschen gesagt "Ah ja, Demo gegen das Polizeiaufgabengesetz, jetzt trinke ich meinen Kaffee weiter".

ZEIT Campus ONLINE: Jörg, du hast auch gegen die bayerische Politik protestiert. Aber auf einem anderen Weg.

Jörg: Ja, ich bin der Jörg, ich bin Biologe, und ich habe ein Schild gemalt.

Alle lachen.

Die Interviewten von links nach rechts: Julian Prugger (Künstler und Aktivist), Maria Hafner (Musikerin), Jörg Brühmann (Biologe), Andreas X (Anarchist), Vroni Bittenbinder (Musikerin) © Amna Franzke für ZEIT Campus ONLINE

Jörg: Ich hab mir Tracht angezogen, mich mit einem Schild fotografieren lassen und einen Text dazu geschrieben. Auf dem Schild stand: "Ned mei Bayern, ned mei Horst." Wenige Tage später hatte ich sechstausend Likes und Shares und dachte mir: oha, spannend.

ZEIT Campus ONLINE: Warum hast du das gemacht?

Jörg: Ich habe sieben Jahre in Osnabrück gewohnt, habe da meinen Doktor gemacht und immer wenn irgendwas Neues kam von der CSU-Regierung, haben alle gesagt: "Ja, Jörg, ihr Bayern da unten schon wieder." Und das wollte ich nicht, das bin nicht ich, ich will nicht, dass man eine ganze Bevölkerung dafür in Sippenhaft nimmt, was unsere Landesregierung tut. Da hat's mir irgendwann gereicht.

ZEIT Campus ONLINE: Andreas, du nennst dich Anarchist. Wie arbeitet man als Anarchist in Bayern?

Andreas: Ich bin Student und Gewerkschafter bei der Freien Arbeiterinnen- und Arbeiter-Union Landshut. Das ist ein Anarchosyndikat.

Maria: Entschuldigung, ein was?

Andreas: Das ist quasi eine klassische Form des Anarchismus, die aus der Arbeiterbewegung stammt. Syndikat bedeutet nichts anderes als Basisgewerkschaft. "Anarcho" heißt in dem Fall, dass wir keine Hierarchien haben. Alles wird vor Ort von den Mitgliedern selbst gemacht, wir haben nicht wie der DGB eine Zentrale. Bei uns sind das lauter Einzelgewerkschaften, die komplett eigenständig arbeiten und nur in einer Föderation zusammengeschlossen sind.

ZEIT Campus ONLINE: Und was macht ihr?

Andreas: Also, wir haben nicht so die große Gesamtstrategie. Wir unterstützen zum Beispiel Hofprojekte in der Region und bieten allgemein gewerkschaftliche Beratung an.

ZEIT Campus ONLINE: Maria, du bist Schauspielerin und Sängerin. Was sind die Themen, die du mit deinen Bands bearbeitet hast?

Maria: Die bayerische Musik ist bei beiden Bands der Ausgangspunkt gewesen. Dann ging's überall hin. Es ging viel um den Bruch mit Sprache, der Switch zwischen Hochdeutsch und Dialekt. Um damit zu spielen – und zu frustrieren.

ZEIT Campus ONLINE: Was passiert bei euren Auftritten?

Maria: Wir hatten mal mit Hasemanns Töchter so eine Aktion im Herzkasperlzelt auf dem Oktoberfest. Da zu zweit im Bierzelt zu stehen und a cappella zu singen mit zwei Akkordeons – das allein ist an sich schon eine Frechheit, weil es das Bierzelt-Klischee total bricht. In einem Zelt für 1.500 Menschen, erwartet man eigentlich eine 20-Mann-Blaskapelle die "Umtata" macht. Und dann am Schluss auch noch die Maßkrüge zu heben und zu singen: "Gemu-a-tlich-ko-at, o-ans, zwo-a, dro-a -gesuffo-a" – so wie es sich übertrieben anhört, wenn ein Nicht-Bayer versucht Bairisch zu imitieren – das macht mir diebisch Spaß. Danach kam ein Übertrachtler (Anm. der Redaktion: jemand, der die Tracht sehr ernst nimmt) an und sagte: "Des is des Allerletzte, ihr derft’s des ned, eich müssat ma erst amal an’ Mundart-Kurs verpassen!", dann denk ich mir nur, jawoll.

Maria grinst, die anderen lachen.

ZEIT Campus ONLINE: Die Provokation kommt davon, dass du das Bairische nachahmst, es aber bewusst falsch aussprichst. Welche Rolle spielt Bairisch für euch?

Jörg: Ich habe meinen Post auf Hochdeutsch geschrieben, weil die bairische Umschrift furchtbar ist. Das wurde aber auch von vielen kritisiert. Die Sprache ist schon Teil meiner Identität und meiner Kultur, aber ich breche mir auch keinen ab, wenn ich Hochdeutsch spreche. Jeder wie er mag, jeder wie er kann.