Drei angehende Lehrer erzählen von Rassismus in der Schule und wie sie im Studium auf das Thema vorbereitet werden. Oder eben nicht.

Etwa jeder dritte Schüler hat hierzulande einen Migrationshintergrund. Die Klassenzimmer in Deutschland sind damit längst multikulturell. Anders sieht es in den Lehrerzimmern aus: Nur etwa zehn Prozent aller Lehrerinnen und Lehrer hat eine Zuwanderungsgeschichte.

Kann eine Lehrerin mit iranischen Wurzeln einem arabischstämmigen Jungen vielleicht besser Chemie beibringen als Studienrat Müller? Haben Lehrer mit Migrationshintergrund einen größeren Einfluss auf Schüler mit Migrationshintergrund? Die Antwort lautet wissenschaftlich gesehen: Nein.

Aber im Klassenzimmer geht es nicht ausschließlich ums Fachliche. Spätestens seit der #MeTwo-Debatte ist klar, dass es in den Schulen zu Diskriminierung kommt. Rassismus – offener oder struktureller – hat hier besonders schwerwiegende Folgen. Denn Lehrerinnen und Lehrer bestimmen mit Noten, Versetzungen und Gymnasialempfehlungen direkt über die Aufstiegschancen ihrer Schülerinnen. Wie werden Lehrer in ihrer Ausbildung für das Thema sensibilisiert? Setzen sie sich genügend mit ihren eigenen Stereotypen auseinander? Und können Lehrerinnen und Lehrer mit Migrationsgeschichte hier einen positiven Einfluss haben?

Wir haben mit angehenden Lehrerinnen und Lehrern mit Migrationserfahrungen gesprochen, wie sie Rassismus wahrnehmen: den im Klassen-, aber auch den im Lehrerzimmer. Und über das, was im Studium gelehrt wird, um diskriminierendes Verhalten zu verhindern. Können sie hier etwas bewirken?

"Ich möchte ganz sicher nicht, dass Mädchen wegen mir ein Kopftuch anlegen"

"Das Thema Rassismus wird bei mir im Studium leider nur angeschnitten. Ich habe an der Uni einmal ein Seminar zu sozialem Ungleichgewicht an Schulen besucht. Das war gut, allerdings freiwillig. Ich habe das Gefühl, viele Studenten nehmen das Thema nicht ernst, weil sie nicht betroffen sind. Die sind alle weiß und blond und haben noch nie Erfahrungen mit Ausgrenzung gemacht. Viele kommen da mit Stereotypen an und verteidigen die sogar – auch, weil sie es nicht besser kennen.

Ich weiß, wie man mit verschiedenen sozialen Gruppen und Kulturen arbeitet. Ich gebe Nachhilfe, bastele mit den Nachbarskindern und engagiere mich in einem Verein, der sich gegen Fremdenfeindlichkeit einsetzt. Diese Erfahrungen zu machen ist wichtig: Ich werde nie wissen, wie ich ein Kind vor Rassismus beschütze, bevor ich selbst gesehen habe, was das mit einem anrichten kann. Wenn etwa bei einem Ausflug in den Osten Nazis an der Ecke stehen und Sechstklässlern hinterherbrüllen.

Deshalb würde ich mir wünschen, dass das Lehramtsstudium dual aufgebaut wäre, halb Uni, halb Schule. Hier in Berlin gibt es im Bachelor gerade mal ein vierwöchiges verpflichtendes Praktikum im zweiten Semester.

Ich studiere im fünften Semester Bildende Kunst auf Lehramt, aber ob ich mal als Lehrerin in Berlin arbeiten werde, ist unklar. Denn das Neutralitätsgesetz verbietet es, dass Frauen mit Kopftuch an öffentlichen Schulen unterrichten.

Anfangs habe ich das Kopftuch für meine Mutter getragen. Ich war zehn und ihr ging es damals nicht so gut. Ich wollte sagen: Mama, ich sehe dich, du bist mein Vorbild. Das Tuch war am Anfang für mich ein Symbol für die Kultur meiner Eltern, die aus Ägypten kommen.

Heute bin ich gläubige Muslima. Trotzdem hat das Kopftuch für mich relativ wenig mit Religion zu tun. Es ist eher wie ein Filter, denn zum Kopftuch gehören ja nicht nur die Haare. Für mich gehört da alles dazu, was ich vor Fremden nicht preisgeben möchte, wie Geheimnisse oder ein Lächeln, das nur für meine besten Freunde bestimmt ist. Und nach außen kann ich mich damit gegen alles abschirmen, was mir schadet.

Als ich mein erstes Praktikum an einer Grundschule gemacht habe, war den Kindern mein Kopftuch sauegal. Das hat die nicht gejuckt. Das Einzige, was sie gesagt haben, war: Hey, du trägst ja jeden Tag eine andere Farbe! Islamisiert habe ich die auf jeden Fall nicht.

Ich will auch ganz sicher nicht, dass Mädchen ohne Kopftuch aus meinem Kulturkreis wegen mir eines anlegen. Aber es geht mir darum, zu zeigen, dass es das gibt und dass das funktioniert: eine Frau mit Kopftuch, die unterrichtet.

Ob ich in Berlin unterrichten werde, ist unwahrscheinlich. Ich könnte an einer privaten Schule unterrichten. Ohne Probleme könnte ich auch an der muslimischen Grundschule arbeiten, das möchte ich aber auf keinen Fall. Ich will nicht in eine Schublade gesteckt werden. Ich gehe in die Schule, um Lehrerin zu sein und nicht, um zu missionieren.

Ablegen werde ich das Tuch aber auf keinen Fall. Ich habe das einmal in der Grundschule für einen Sportlauf gemacht. Das hat sich angefühlt, als würde mir ein Arm oder ein Bein fehlen. Ich weiß nicht, ob ich es freiwillig trage oder aus Trotz. Aber ich sehe es nicht ein, es abzulegen, solange ich es nicht selbst will."