Blicke, Komplimente – alles verboten? Manche befürchten, mit #MeToo sei der Flirt gestorben. Stimmt nicht! Unsere Autorin flirtet jetzt lieber als vorher.

Wäre es wirklich so dramatisch, würden sie zum Todestag zu einer Trauergesellschaft zusammenkommen. Gemeinsam stünden sie vor dem Grabstein. Es gäbe die Inschrift: "Er war tapfer, doch der Kampf gegen #MeToo sollte sein letzter sein." Ein bekannter Kolumnist würde eine Rede halten, dann würde eine Kapelle Je ne regrette rien spielen, ich bereue nichts, und des Verstorbenen gedenken: des heterosexuellen Flirts.

Aber der Flirt ist nicht tot. Nicht für mich. Ich flirte gern, und noch lieber seit #MeToo. Die Debatte vor einem Jahr hat strukturelle Gewalt gegen Frauen sichtbar gemacht. Schnell ging es auch um das Subtile, dadurch nicht weniger Brutale, um die intime Interaktion zwischen Männern und Frauen. Für manch einen Kolumnisten war das Anlass zu Sorge: Wie soll ein Mann einer Frau jemals wieder näherkommen? Durch Komplimente? Blicke? Alles verboten?

Die #MeToo-Debatte war eine intensive Auseinandersetzung damit, wie Männer und Frauen miteinander umgehen. Und sie hatte einen positiven Effekt für mich: Sie hat es mir nicht nur erleichtert, Nein zu sagen, sondern auch Ja.

Zunächst hat #MeToo mich bestärkt, Nein zu sagen in Situationen, in denen ich auch vorher ein Nein geäußert hätte – aber ich kann es lauter und bestimmter äußern, seit ich die Wut so vieler Frauen und Männer hinter mir weiß. Nein zum trunkenen Wangenkuss, den mir mein flüchtiger Bekannter bei jeder zufälligen Partybegegnung aufdrückt. Nein zu den Blicken des Kneipennachbarn, der mich schon den ganzen Abend anstarrt. Nein zur Gruppe harter Dudes auf der Straße, die meinen Körper kommentieren, als sei meine schiere Anwesenheit eine Einladung dazu. Nein zu Männerhänden in Menschenmengen. Nein zu all den alltäglichen Aufdringlichkeiten, Herabwürdigungen und Respektlosigkeiten. Ein Nein, das mal "Lass das", "Verpiss dich" oder "Ciao" heißt. Ich lasse mich nicht mehr so leicht irritieren: Übertreibe ich? Bin ich zu laut geworden? War es vielleicht nur nett gemeint? Es ist egal – wo ich ein Nein empfinde, muss ich Nein sagen.

Ich feiere die Wiederauferstehung des Flirts.

Durch dieses Nein ist mehr Raum für ein Ja entstanden. Ein Ja zum Gegenteil der sexuellen Belästigung, zum Flirt.

Ich feiere nicht den Todestag, sondern die Wiederauferstehung des Flirts. Vor allem die des weiblichen Flirts. Denke ich an das vergangene Jahr, denke ich an viele wütende Neins. Aber auch an den Typen im Park, den ich darauf anspreche, dass er meinen Lieblingsroman liest. Den ICE-Nachbarn, den ich erst nach seiner Powerbank und dann nach seiner Abendplanung frage. Den Franzosen, den ich im Antiquariat in ein Gespräch verwickele. Den Mann auf der Demo, mit dem ich vor dem Platzregen in die nächste Pizzeria flüchte.