Felix Martin ist 23, Grünen-Landtagsabgeordneter, schwul und HIV-positiv. Er geht offen mit seiner Krankheit um – weil er möchte, dass jeder über sie Bescheid weiß.

Felix Martin ist pünktlich. Er steht auf dem Bahnsteig in Göttingen, Mantel, braune Ledertasche, Gelfrisur, und wartet auf den ICE 979 in Richtung Stuttgart. Es ist 15.08 Uhr, er hat heute noch zwei Interviews und ein Podiumsgespräch vor sich. Eines der Interviews ist dieses, Martin hat nur auf der Zugfahrt Zeit dafür.

Felix Martin ist 23 Jahre alt, vor vier Wochen wurde er für die Grünen in den hessischen Landtag gewählt, als zweitjüngster Abgeordneter. Nebenbei absolviert er eine Ausbildung zum Bankkaufmann bei der Sparkasse Göttingen, gerade kommt er aus der Berufsschule.

ZEIT Campus ONLINE: Seit der Landtagswahl im Oktober hat sich Ihr Terminkalender komplett verändert. Wie schwierig ist es, auf einmal Berufspolitiker zu sein?

Felix Martin: Die politische Arbeit an sich ist mir nicht fremd. Ich habe viele Jahre im Landesvorstand der Grünen Jugend und im Kreisvorstand der Grünen in Eschwege gearbeitet. Aber sich im Landtag zurechtzufinden, da gehört schon einiges dazu (lacht). Und klar, morgens Berufsschule, nachmittags Koalitionsverhandlungen – das ist eine Umstellung. Man glaubt es kaum, aber viele Menschen behandeln mich jetzt fast ehrfürchtig, nach dem Motto "Oh, der Herr Abgeordnete!". Im Wahlkampf habe ich immer darüber geredet, was die Grünen erreichen wollen. Und jetzt? Jetzt kann man mich persönlich verantwortlich machen für alles, was gut läuft – aber auch für alles, was schief geht. Blöderweise steht jetzt auch noch der Welt-Aids-Tag vor der Tür und alle wollen was von mir wissen.

Eigentlich möchte man an dieser Stelle nachfragen: Wie einfach oder schwierig ist es, wenn man als junger Politiker homosexuell und HIV-positiv ist? Wie schafft man es, so offen darüber zu sprechen wie Martin? Doch vor dem Termin schrieb er per E-Mail, er wolle als Fachpolitiker wahrgenommen werden und nicht nur als "der Grüne, der Aids hat". Deshalb bleiben wir bei dem, womit er sich den ganzen Tag beschäftigt – der Politik.

ZEIT Campus ONLINE: Wie lernt man, ein Politiker zu sein?

Martin: Ist das überhaupt erstrebenswert? Ich finde es viel besser, ich selbst zu bleiben und einfach politische Arbeit zu machen. Vieles davon läuft dann eben über Learning by Doing – Anträge verstehen zum Beispiel, oder erst den Haushalt, um Gottes Willen!

ZEIT Campus ONLINE: Können Sie sich das für den Rest Ihres Lebens vorstellen?

Martin: Nee (lacht). Das wäre ja schlimm, wenn ich mit 23 sagen würde: Die nächsten 40 Jahre sitze ich im Landtag. Abgeordneter sein ist eine Tätigkeit auf Zeit, das verstehen manche nicht. Deshalb ist es mir auch so wichtig, die Ausbildung fertigzumachen. Ich will ein zweites Standbein haben.

ZEIT Campus ONLINE: Sie kommen aus der Grünen Jugend, die traditionell etwas linker und radikaler ist als die Grünen. Ist das ein Problem?

Martin: Viele Jugendorganisationen sind radikaler als ihre Mutterparteien. Und ich bin ja nicht der einzige junge Abgeordnete. In der neuen grünen Landtagsfraktion sind fünf unter 30, also im Grüne-Jugend-Alter. Die Grünen sind eine Partei, die junge Menschen nicht nur zum Flyer verteilen und Plakatieren haben will, sondern sich für das interessiert, was sie sagen.

Der verspätete Zug fährt ein. Felix Martin trinkt seine Schokolade aus, wir steigen ein und setzen uns nebeneinander in eine Sitzreihe.