ZEIT Campus ONLINE: Werden Sie auch Queerpolitik im Landtag machen?

Martin: Das liegt mir nahe und da würde ich mich gern einbringen, ja. In den vergangenen fünf Jahren haben wir schon viel erreicht – mit der CDU! Das hätte ich nicht gedacht.

ZEIT Campus ONLINE: Was genau haben Sie erreicht?

Martin: Das fing schon bei der Regierungsbildung an. Wir haben einen grünen Staatssekretär ins CDU-Sozialministerium geschickt, der explizit für Integration und Antidiskriminierung zuständig war. Und wir haben den Lehrplan Sexualerziehung neu formuliert. Vorher haben Homo-, Trans- und Intersexualität im Sexualkundeunterricht keine Rolle gespielt. Jetzt werden sie schon in der Grundschule angesprochen, altersgerecht natürlich, um klarzustellen: Es ist vollkommen egal, wie jemand liebt. Den Lehrplan haben wir übrigens mit der evangelischen Kirche erarbeitet. Die katholische war auch eingeladen, wollte aber nicht (lacht).

ZEIT Campus ONLINE: Sie sind in einem kleinen Dorf bei Eschwege aufgewachsen. Wie schwer ist es heute noch, auf dem Land schwul zu sein?

Martin: Ich kann mir gut vorstellen, dass es für viele sehr schwer ist, weil ihre Umgebung nie Kontakt mit Homosexuellen hatte. Dann kommt man sich leicht vor wie der Einzige, der so ist. Mir persönlich fiel es aber überhaupt nicht schwer, zum Glück. Ich habe meine Sexualität sehr schnell als Normalität betrachtet. Statt Mitschülern aktiv zu sagen, dass ich schwul bin, lief ich wie selbstverständlich händchenhaltend mit meinem Freund übers Heimatfest.

ZEIT Campus ONLINE: Haben Sie Diskriminierung erlebt?

Martin: Ja, selbstverständlich. Aber ich bin selbstsicher und in der Lage, mich zu wehren.

ZEIT Campus ONLINE: Im März 2017 bekamen Sie die Diagnose HIV-positiv. Kurz danach machten Sie das öffentlich.

Martin: Ja, das war tatsächlich nur wenige Monate später. Ich bin ein sehr offener Mensch, ich kann ohnehin keine Geheimnisse für mich behalten – was als Politiker vielleicht manchmal schwierig ist (lacht).

ZEIT Campus ONLINE: Warum sind Sie diesen Schritt gegangen?

Martin: Viele Menschen denken nie über HIV nach, weil sie keinen persönlichen Bezug dazu haben, niemanden kennen, der betroffen ist. Die einzige Person, die ich mit HIV verband, war Freddie Mercury. Als der erkrankte, war die Krankheit noch eine ganz andere, damals war die Diagnose tatsächlich ein Todesurteil. Heute sind wir viel weiter: Es gibt gute Therapien, mit denen man nicht mal mehr ansteckend ist. Mir war wichtig, zu zeigen: Es gibt diese Krankheit noch, aber sie ist  kein Todesurteil mehr. Klar, sie ist nicht schön, aber sie schränkt mich nicht wirklich ein. Ich möchte die Öffentlichkeit, die ich durch die Politik habe, nutzen, um HIV zu entstigmatisieren.