In Brasilien feinden sich Fans und Gegner des neuen Präsidenten an, Frauen und Homosexuelle berichten von Angriffen. Unsere Autorin sieht zu, wie ihr Land zerbricht.

Am 19. September, drei Wochen vor der ersten Wahlrunde, zeigte mein Handy eine Instagram-Notification. Eine Bekannte aus der Schulzeit hatte mir eine private Nachricht geschickt: Wie es mir gehe, ob ich momentan in Deutschland wohne. Wir hatten mehr als zehn Jahre lang keinen Kontakt gehabt, in der Schule waren wir weit davon entfernt gewesen, beste Freundinnen zu sein. Ich hatte ihre Posts in den Tagen zuvor gesehen: Sie ist überzeugt, dass Brasilien in einer Art Kommunismus versinkt und nur Jair Bolsonaro das Land retten wird. Ich wusste, wenn ich antworte, würde das zu einer endlosen politischen Diskussion führen. Ich hatte keine Zeit dafür.

Am 8. Oktober, einen Tag nach der ersten Wahlrunde, schrieb sie mir noch mal, diesmal füllte die Nachricht einen ganzen Smartphone-Bildschirm. Sie war der Meinung, ich hätte aus Angst vor ihr nicht geantwortet. Sie schrieb, sie hätte in meinen Instagram-Stories gesehen, dass ich gegen Bolsonaro bin. Deswegen sei ich "dumm und behindert".

Solche Aussagen waren während des Präsidentschaftswahlkampfs in Brasilien normal. Ich lebe seit fünf Jahren in Deutschland, von hier aus beobachtete ich, was in meiner Heimat passiert. Auf Facebook sah es aus, als wäre das Land in zwei Teile geteilt: die für Bolsonaro und die gegen ihn. Bolsonaro trat für die rechtskonservative Partei PSL an, er gilt aber als rechtsextrem. Im Wahlkampf äußerte er sich offen rassistisch, homophob und gewaltverherrlichend. Trotzdem hat er viele Fans – und erbitterte Gegner.

Die Polarisierung trieb die Menschen zu persönlichen Angriffen und bald ging es nicht mehr nur um Politik, sondern um Grundsätzliches. Für die Bolsonaristas, die Anhänger Bolsonaros, waren die Wählerinnen und Wähler der gegnerischen Arbeiterpartei PT "üble Kommunisten" und außerdem noch unmoralisch, weil sie eine korrupte Partei wählten. Bolsonaro-Gegner bezeichneten die Anhängerinnen des Präsidenten als "Faschisten".

Die einen feiern, die anderen haben Angst

Die virtuelle Schlacht machte uns alle müde, erschöpft, enttäuscht. Eigentlich hatte keiner mehr Lust, in sinnlose Debatten einzusteigen, aber aus dem Feed wegzuschauen, war unmöglich. Schließlich war die Wahl ein entscheidender Moment für unser Land.

Am 28. Oktober dann die Stichwahl: Jair Bolsonaro wurde mit 55,14 Prozent der Stimmen zum Präsidenten Brasiliens gewählt. Damit hat sich die Spaltung von Meinungen und Menschen im größten Land Lateinamerikas institutionalisiert. Brasilien erinnert heute an die USA nach der Wahl von Donald Trump vor zwei Jahren: Die einen feiern, die anderen sind tief enttäuscht, angespannt, ängstlich.

Was kann man Falsches tun oder sagen unter einem Präsidenten, der seinen eigenen Sohn lieber bei einem Autounfall sterben sehen möchte als mit einem Mann als Lebenspartner? Der sagt, seine Söhne würden nie eine afrobrasilianische Freundin haben, weil sie doch gut erzogen wurden? Für den Oberst Carlos Alberto Ustra ein Vorbild ist – ein bekannter Militärführer, der in den Siebzigerjahren Gegner der Militärdiktatur in Brasilien folterte?

Wahrscheinlich wird Bolsonaro keine Menschen direkt attackieren, foltern oder töten. Aber die Entscheidung der Mehrheit der Brasilianer, ihn zum Staatsoberhaupt zu wählen, bestätigt viele seiner rassistischen, sexistischen und homophoben Äußerungen. Seine Kampagnenparole "Brasilien über alles und Gott über allen" impft seinen Fans die Idee ein, dass sie im besten Interesse des Landes und mit Erlaubnis von Gott ungehemmt agieren können.