Die Kürbissuppe ist das suppengewordene Ikea-Wandbild, das Symbol für die Gleichgültigkeit der Generation Y. Wer sie kocht, ist der Feind. Diese Suppe gehört boykottiert.

Die Kürbissuppe ist das suppengewordene Ikea-Wandbild. Sie ist die Times New Roman der Amateurküche, eine Ausrede in Form eines Abendessens. Sie tröstet nicht bei Erkältung wie eine fette Hühnerbrühe und ist kein Freund wie ein samtiger Kartoffeleintopf. Sie ist nicht für einen da, wenn man Liebeskummer hat. Sie ist das Bananenbrot der Hauptgerichte.

Den Kürbis trifft dabei keine Schuld. Er kann nichts dafür, dass er so nahrhaft und günstig, so vielseitig und orange ist. Schuld sind die, die ihn jeden Herbst in WG-Küchen zerstückeln, zerkochen und in die Belanglosigkeit pürieren. Menschen wie Romi, 21, erstes Semester BWL, die, gerade von zu Hause ausgezogen, in einem der drei GU-Bücher ihrer WG liest: "Wie wäre es mal mit was Raffiniertem?"

Die Kürbissuppe verdient nur Hass

Also schreibt Romi sich die Zutaten für Kürbissuppe mit Balsamicocreme ins Handy, googelt noch mal, wie Hokkaido aussieht, und lädt den süßen Sven aus ihrem Tutorium und Ayşe aus der Rechnungswesenvorlesung von vergangener Woche ein, "um einfach allen mal eine Freude zu machen". Romi ist schuld, dass Kürbissuppe Hass verdient.

Denn plötzlich ist man an fünf Abenden die Woche zum Essen eingeladen: Montag gibt es bei Rob Kürbissuppe mit Kokosmilch und Ingwer, Dienstag Silvans Kürbissuppe mit Gambas und Ingwer. Mittwoch kocht Romi Kürbissuppe mit Balsamicocreme und Ingwer. Donnerstag wird es Kürbissuppe mit Croûtons und Petersilie bei Jenny geben und weil Ayşe Romis Idee mit der Balsamicocreme so super fand, lädt sie für Freitag ein, zu Kürbissuppe mit Balsamicocreme. Sie reibt noch eine Möhre rein. Raffiniert.

Wer sie verzehrt, sollte zum Trinken einer Flasche Maggi verurteilt werden.

Zugegeben, auch ich habe Kürbissuppe schon unwidersprochen gegessen. Einmal hätte ich sie sogar fast selbst zubereitet, die Zeit war knapp und der große Suppentopf sauber. Doch ich besann mich, schnitt den Hokkaido in Scheiben, benetzte ihn mit Olivenöl, Zimt, Salz und Pfeffer und schob ihn in den Ofen. Er schmeckte wunderbar, beträufelt mit kühlem Joghurt und ein wenig scharfer Sauce. Leider bin ich die Ausnahme.

Klar, hier könnte jetzt ein abwägender Absatz stehen. So etwas wie: Ist ja auch ein einfaches Gericht, man ist jung und unter Zeitdruck, die Gäste vielleicht zu früh, das Orange macht was her und ich muss sie ja nicht essen. Über Geschmack lässt sich nicht streiten. Aber für guten Geschmack lohnt es sich, zu kämpfen. Denn durch die AfD mag in Deutschland der Diskurs verrohen – aber durch Kürbissuppe verroht die deutsche Esskultur. 

Es wird Zeit für Widerstand

Nudeln mit Ketchup und Dosenravioli waren einmal ein Statussymbol für junge Menschen, die sich am Gasherd wärmten, um die Heizkostenrückzahlung fetter zu machen. Salzkartoffeln ohne Quark sind ein Gericht, das nur in studentischen Küchen aufblühen konnte. Die Kürbissuppe aber wird in Sterneküchen gekocht, im Wirtshaus und in Szenerestaurants, sie gibt sich jedem hin. Sie ist ein Gericht ohne Rückgrat.

Der jungen Generation wurde lange vorgeworfen, sie sei angepasst und kämpfe für nichts. Die Kürbissuppe ist das Symbol dieser Gleichgültigkeit. Deshalb rufe ich zum Kürbissuppenboykott auf. Wer sie zubereitet, sollte in der Gemüseabteilung isoliert, wer sie verzehrt, zum Trinken einer Flasche Maggi verurteilt werden. Der Widerstand beginnt im Topf.