Sie hat zwei Studienabschlüsse, doch träumt von einer Karriere als Model. Aber um dort erfolgreich zu sein, muss sie lügen. Das anonyme Gehaltsprotokoll eines Models

Alter: Ende 20

Berufsbezeichnung: Model, Schauspielerin und Barista

Gehalt: etwa 900 Euro als Model, 450 Euro als Barista

Um in meinem Job erfolgreich zu sein, lüge ich. Ich arbeite als Model in Hamburg und bin Ende 20 – damit bin ich für viele Jobs schon zu alt. Wenn ich angefragt werde, gebe ich deshalb immer ein niedrigeres Alter an. Je niedriger, desto eher werde ich gebucht. Bis jetzt geht das gut. Aber ich habe Angst, dass mein Geheimnis auffliegt und ich dann keine Aufträge mehr bekomme.

Deshalb traue ich mich bei Shootings auch nicht, über meinen genauen Werdegang zu sprechen, zum Beispiel, dass ich zwei Hochschulabschlüsse habe. Das würde mich vielleicht verraten. Leider denken viele Leute ohnehin schon, dass ich als Model nichts im Kopf hätte, weil es hauptsächlich um mein Aussehen geht. Häufig fragen Fotografen mich, was ich denn nach dem Modeln machen will. Dabei habe ich schon einiges gemacht, bevor ich mich entschieden habe, in der Modebranche zu arbeiten.

Meinen ersten Modeljob hatte ich mit 19: Ein Fotograf sprach mich in einer Bar an – er meinte, dass er mich und meinen Style super fände und bot mir ein Shooting an. Ich habe nicht lange nachgedacht und zugesagt. Vor dem Shooting war ich ziemlich aufgeregt. Ich sollte ein paar einfache Posen vor der Kamera machen und der Fotograf war zufrieden. Geld habe ich dafür aber nicht bekommen. Es war ein TFP-Shooting, das bedeutet time for pictures: meine Zeit gegen die bearbeiteten Bilder.

100 Euro gab es für einen Catwalk

Trotzdem wollte ich lieber erst mal studieren und habe mich danach nicht weiter um Fotoshootings bemüht. Ich schrieb mich für Politikwissenschaften ein und entschied mich nach dem Bachelor noch für ein Zweitstudium in Grafikdesign. Auch das schloss ich ab. Währenddessen habe ich mit einem Modefotografen zusammengearbeitet, über den ich die Modewelt besser kennengelernt habe. Ich fand die Leute spannend, die Kleider schön und die Kreativität beeindruckend, die in den Outfits steckte. Über Kontakte habe ich dann ein paar Mal selbst als Model gearbeitet und gemerkt, dass ich gerne vor der Kamera stehe. Im Studium hatte ich oft das Gefühl, dass man ewig über ein Thema diskutiert, aber am Ende nichts dabei herauskommt. Es hat mich gestört, dass ich in Hausarbeiten nur angesammeltes Wissen zusammenschreiben musste und kein Raum für Kreativität blieb. Bei Fotoshootings bin ich dagegen mitten in der Kunst, analysiere sie nicht nur, sondern kann sie mit meinem Körper und meiner Persönlichkeit mitgestalten.

Im Sommer 2016 habe ich dann von einem offenen Casting für eine Modenschau erfahren: 100 Euro gab es für einen Catwalk. Bis dahin hatte ich nur in ein paar Fotoshootings und Videoclips mitgemacht. Das wollte ich unbedingt ausprobieren. Also ging ich zum Casting und es lief so gut, dass ich direkt eine Zusage erhielt. Am Tag der Show raste mein Herz; ich hatte zwar viel zu Hause geübt, aber die High Heels, die ich bei der Show bekam, waren extrem unbequem, und dann sollte ich auch noch Stufen damit laufen. Als ich auf den Laufsteg rauskam, war all das vergessen. Ich habe einen unheimlichen Adrenalinkick erlebt. Da wusste ich: Das will ich am liebsten mein Leben lang machen. In den folgenden drei Monaten lief ich bei fünf weiteren Shows mit. Danach entschied ich mich trotz meiner zwei Bachelorabschlüsse, mich hauptberuflich auf das Modeln zu konzentrieren.

Da war ich natürlich nicht mehr 19 und habe schnell gemerkt, dass das ein Nachteil ist. Deshalb habe ich mir angewöhnt, bei Modeljobs nie mein richtiges Alter zu sagen. Für viele gilt man in der Branche schon mit 25 als Oma. Sogar manche meiner Freunde kennen mein Alter nicht.

Ich habe es auch mit einer Bewerbung für die Germany’s-Next-Topmodel-Staffel 2019 probiert. Nach der zweiten Runde sagten sie mir ab. Sie hatten mehrmals gefragt, warum ich denn erst jetzt zu ihnen komme und nicht, als ich noch jünger war. Ich vermute, dass es deshalb nicht gepasst hat.

Aber selbst mit dieser kleinen Lüge ist es unheimlich schwer, gut bezahlte Jobs zu bekommen. Am Anfang ist es vielleicht noch aufregend, wenn man bei einem unbezahlten Fotoshooting mitmachen darf, aber nicht, wenn man davon leben möchte. Meine Modeljobs bekomme ich oft über Instagram. Da schreiben mich Fotografen an – leider sind die Shootings aber oft nur auf TFP-Basis. Mittlerweile habe ich sehr viele Fotos gesammelt und erwarte Geld für meine Arbeit.