Er kommt, wenn man den Krankenwagen ruft. Er liebt den Druck, kritisiert aber die Überlastung – und die Bezahlung. Das anonyme Gehaltsprotokoll eines Rettungsassistenten

Alter: 25

Beruf: Rettungsassistent

Gehalt: 2.587 Brutto + Zulagen

Dass ausgerechnet ich übrig bleibe, hätte vermutlich keiner gedacht. In meiner Ausbildungsklasse waren wir am Anfang 32 Schüler. Geblieben sind am Ende nur zwei, die als Rettungsassistenten arbeiten. Einer davon bin ich, obwohl ich immer derjenige war, der schnell hinschmeißt. Mein Lebenslauf ist chaotisch: Gymnasium, Internat, Hauptschule, gescheiterte Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker, FSJ, Sicherheitsdienst. Mich hat es nirgendwo lange gehalten. Bis jetzt.

Bei der Ausbildung zum Rettungsassistenten habe ich zum ersten Mal gemerkt, dass ich lernen kann. Das lag mir nie, ich habe immer gefragt, warum ich etwas lernen soll. Hier war die Antwort klar: Weil das Wissen den Patienten hilft. Viele sehen den Rettungsdienst nur als Übergangslösung, um die Wartesemester bis zum Medizinstudium zu überbrücken. Für mich ist es der erste Job, bei dem ich mir vorstellen kann, ihn bis zur Rente zu machen – und trotzdem war ich vor einigen Monaten kurz davor, alles hinzuschmeißen. Wegen der Bezahlung, der ständigen Überlastung durch Überstunden und der fehlenden Freizeit.

Im Rettungsdienst stehe ich unter großem Druck: Wir sind als erste da, wenn jemand in Lebensgefahr schwebt. Bei rund drei von zehn Einsätzen geht es um Zeit: Bei einem Schlaganfall werden die Schäden mit jeder Minute schlimmer. Innerhalb von vier Stunden müssen wir in der Klinik sein, nachdem die Symptome angefangen haben, danach sind die Schäden eventuell irreversibel. Vier Stunden klingen lang, aber oft erkennen die Patienten die Symptome nicht gleich oder warten erst mal auf Besserung – dann steigt der Zeitdruck.

"Ich erinnere mich an eine junge Frau, sie war 26"

Es ist aber auch der Druck, der mir an dem Job so gefällt. Ich bin gut, wenn es wirklich um was geht. Im Rettungswagen bin ich mein eigener Chef, da atmet mir kein Vorgesetzter über die Schulter. Solange ich meine Arbeit gut erledige, redet mir niemand rein.

Natürlich sterben auch Menschen im Einsatz. Meist sind die Patienten schwer vorerkrankt. Die wirklich dramatischen Fälle wie tödliche Unfälle oder Kinder und junge Erwachsene sind selten. Aber an die erinnert man sich gut.

Ich erinnere mich an eine junge Frau, sie war 26, ungefähr in meinem Alter. Sie hatte eine schwere Lungenerkrankung und deshalb eine Lunge transplantiert bekommen. Doch ihr Körper hatte die Spenderlunge abgestoßen. Sie litt unter ihrer ständigen Atemnot, und darunter, im Rollstuhl zu sitzen. Um das zu ertragen nahm sie Drogen. Als das herauskam, verlor sie ihren Platz auf der Transplantationsliste und sie hatte keine Chance mehr auf eine zweite Spenderlunge. Wir wurden gerufen, nachdem ihr Bruder sie leblos in ihrem Zimmer gefunden hatte. Nach erfolgloser Reanimation mussten wir der Familie sagen, dass wir nichts mehr für sie tun können.

Nach Einsätzen wie diesen rede ich mit meinen Kollegen. Unter uns können wir offen sein. Da hat sich viel gebessert, früher gab es mehr Machogehabe, keiner konnte zugeben, wenn ihn ein Einsatz belastet. Heute ist es völlig okay, zuzugeben, dass ein Einsatz mich beschäftigt. Mir ist nur wichtig, dass ich solche Erlebnisse von meinem privaten Leben streng trenne. Bei mir zu Hause wohnt auch meine Großmutter – sie ist älter als viele Patienten, die ich täglich sehe.

Trotzdem gibt es immer wieder Momente, in denen ich zweifle: Erst vor wenigen Monaten war ich kurz davor, alles hinzuwerfen. Ich mache viel für diesen Job. Ich habe über 200 Überstunden angesammelt, ich war in vier Jahren nur viermal krank. Deswegen ärgert mich umso mehr, dass ich nicht fair bezahlt werde.